
Der Film beginnt mit einer Leiche, tarantinomässig unter Karton drapiert an einer Tankstelle im Nirgendwo, mit einem gelben VW-Käfer und mit einem Paar mehr oder weniger korrupten Polizisten, zusätzlich zum Hinweis, dass wir uns im Brasilien des Jahres 1977 befinden. Das alles weckt Erinnerungen, solche an die Roadmovies unserer Jugendzeit, an Herbie, den schlauen Kinokäfer und an die Blödelsynchronfilme der 1970er Jahre mit hippen Antihelden, doofen Polizisten und überlebensgrossen Bösewichten.
Wenn dann noch in einem toten Hai das abgetrennte Bein eines Mannes gefunden wird, dann verstehen wir die Faszination von Fernando, dem jungen Sohn des Titelhelden, dem die Meldung am Radio des Grossvaters Alpträume beschert und den gleichzeitigen Wunsch, endlich den im Kino laufenden Spielberg-Hit Tubarão (Jaws) zu sehen. Vor allem, da der Grossvater als Operateur in einem der beiden Kinos in Recife arbeitet.
O Agente Secreto ist ein Kinoerlebnis, das über 160 Minuten in immer grösser werdenden Wellen über einen hereinschwappt, ein epischer Erzählfluss im besten Sinne des Wortes. Und, seinem unterhaltsamen Sog zum Trotz, eine durchaus ernsthafte Erinnerung an die bis heute nachwirkenden Schrecken und die Korruption der brasilianischen Militärdiktatur.

Nachdem die schönsten Serien von Peak-TV, wie etwa Breaking Bad oder auch Game of Thrones bewiesen haben, dass mit dem nötigen Budget Kino-Anmutung auch im Streaming-Format möglich wäre, war es bloss eine Frage der Zeit, bis jemand den umgekehrten Weg beschreiten würde, um die seriellen Erzähl-Strategien für die grosse Leinwand fruchtbar zu machen.
Der Brasilianer Kleber Mendonça Filho (Aquarius, Bacurau) nutzt all die Möglichkeiten, in denen uns die Serienformate geschult haben. Wechselnde Milieus und Perspektiven, divergierende Erzählstränge, die schliesslich in einen Einzigen münden, eingeschobene Rückblicke aus der Gegenwart, Zeitsprünge, und insbesondere wechselnde Tonalitäten.
Da folgt etwa raffinierte Fussgänger-Action bei der Verfolgung eines Auftragskillers durch einen anderen Auftragskiller durch die Gassen von Recife auf eine lange Dialogsequenz, in welcher der untergetauchte Titelheld seine Fluchthelfer darüber informiert, wie ein korrupter Politiker sein Universitätsforschungsteam zerlegt und seine Frau umgebracht hat.

Oder der ebenso korrupte Polizeichef der Stadt, der mit seinen zwei Söhnen und den angereisten Killern eine freundschaftliche Spritztour im Auto unternimmt, während die nächsten Opfer seiner Machenschaften schon gefesselt hinten im Wagen liegen – eine ausgedehnt schwatzhafte Sequenz, die klar auf Tarantino mit Reservoir Dogs, Pulp Fiction oder Death Proof Bezug nimmt.
Kleber Mendonça Filho kombiniert dabei die Ernsthaftigkeit, das historische Bewusstsein und das soziale Engagement seiner früheren Filme mit seiner überbordenden Freude am Kino, und dies mit enormem Aufwand und eben so enormer Wirkung. Allein die Zahl der epochengerechten Autos, welche das Produktionsteam aufgetrieben hat, lässt staunen. Der 1968 geborene Filmemacher rekonstruiert das Recife seiner Jugendzeit unter maximalem Einsatz der Mittel der internationalen Koproduktion, die ihm seine früheren Cannes-Erfolge ermöglicht haben.

Im Abspann des Films wird denn auch in einem knappen Satz darauf hingewiesen, dass die Produktion 1200 Menschen Arbeit verschafft habe, und dass Kulturschaffen und Kulturförderung eben keineswegs nur ein schöngeistiges Unternehmen darstellen.
Der lebensnahe Mix an pop- und kinokulturellen Zitaten und Anspielungen geht dabei auf fast schon überwältigende Art ins Detail. So finden sich nicht nur durchgehende Hai-Zitate und Anspielungen, sondern auch clever angelegte Meta-Referenzen. Etwa wenn in einer der letzten Szenen der nun erwachsene Sohn des Titelhelden einer jungen Geschichtsstudentin, welche an einer Studie über die Machenschaften der Diktatur arbeitet, von seiner kindlichen Hai-Obsession erzählt, und dass er seinen Grossvater seinerzeit schliesslich doch noch dazu brachte, ihn in eine Vorstellung von Jaws zu schmuggeln – worauf ganz beiläufig im Vordergrund des Bildes ein Taxi vorbeifährt, mit einer dieser haiflossen-ähnlichen Dachantennen.
Es sind die Details, welche diesem langen Film seinen grossen Atem verleihen, und gleichzeitig jeden Zuschauer und jede Zuschauerin zum «Secret Agent» machen, weil die Kombinatorik und die Aufmerksamkeit nicht nur gefordert, sondern kinogerecht stimuliert werden.
O Agente Secreto zeigt, dass sich wahres Kino nicht vor den Streamern zu fürchten braucht. Der Film saugt sie einfach auf und nimmt sie mit.
Im Kino ab 13. November 2025
Spielorte und -Zeiten
Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

