HALLO BETTY von Pierre Monnard

Betty Bossi bauen: Emmi Creola-Maag (Sarah Spale) © Ascot-Elite

Warum so bieder? Die Geschichte, wie die Zürcher Werbetexterin Emmi Creola-Maag 1956 die perfekte Schweizer Hausfrau «Betty Bossi» erfunden und gegen alle Widerstände im Markt etabliert hat, die hat alles, was es für eine furiose Schweizer Mad Men-Kinokiste gebraucht hätte. Stattdessen bekommen wir von Drehbuchautor André Küttel und Regisseur Pierre Monnard zunächst einmal fast schon Papa Moll geliefert.

Vielleicht haben die Produzenten Angst vor dem doppelbödigen Potential ihrer Idee bekommen. Schliesslich lag das Genie von Emmi Creolas Erfindung ja tatsächlich darin, dass diese superadrette, liebenswürdig gut aufgestellte Werbefigur so vertrauenserweckend gut an die reale Lebenswelt der durchschnittlichen Schweizer Hausfrau angelehnt war. Allzu gross sollte demnach wohl der Kontrast zwischen der Lebenswelt der Kunstfigur und ihrer Erfinderin in der ersten Filmhälfte nicht ausfallen. Eine brodelnd gefährliche Undurchschaubarkeit und zweifelhafte Herkunft, wie sie Mad Men-Star Don Draper auszeichnete, wäre doch etwas unschweizerisch gewesen, gälletsi?

Dabei dürfte die ungebrochene Popularität der Marke Betty Bossi einen Deutschschweizer Kinoerfolg eigentlich so oder so garantieren.

Die Betty-Bossi-Show mit Emmis echter Familie © Ascot Elite

Aber wir wollen auch nicht ungerecht sein: Hallo Betty basiert auf der realen Biografie der Emmi Creola, ihres Mannes und ihrer Kinder. Und das Drehbuch weist durchaus ein paar smarte Ansätze auf, um das subversive Potential der Geschichte und ihre inhärenten Wurmfortsätze in die Gegenwart hinein fruchtbar zu machen.

Der offensichtlichste von denen ist zugleich auch wieder ein Marketing-Trick: In einer Rahmenhandlung interviewt eine junge Journalistin, gespielt von der Schweizer Influencerin Zoë Pastelle Holthuizen die alte Emmi Creola (Sarah Spale) und wird von dieser und ihren Erzählungen sanft auf den Arm genommen – wie die nun erwachsene Tochter in einer der letzten Szenen durchblicken lässt.

Emmi Creola-Maag (Sarah Spale) im Fernsehstudio mit Heidi Abel (Antoinette Ullrich) © Ascot-Elite

Das garantiert einerseits der Produktion die Aufmerksamkeit der 363’000 Follower von Zoë Pastelle (das hat seinerzeit schon mit ihrem Auftritt in Blue My Mind funktioniert) und schlägt damit die Brücke in die Lebenswelt jener Jugendlichen, die möglicherweise von der Betty-Bossi-Nostalgie ihrer Eltern etwas weniger mobilisiert sein könnten. Vor allem aber ist das auch ein durchaus spöttisches Meta-Spiel mit dem Charme der Künstlichkeit der Werbewelten, wenn die Influencerin von damals die Influencerin von heute in ihre funkelnden Flunkerwelten tapsen lässt.

Der Koch aus Italien will seine Rezepte zunächst nicht preisgeben: Leonardo Nigro und Sarah Spale © Ascot Elite

Auch der Clash zwischen Deutschschweizer 1950er Biederkeit und der linksromantisch gezeichneten Italianità der «Gastarbeiter», ihrer Küche und ihrer Solidarität bringt dringend benötigte Spannung in den Plot, ebenso wie die gezielt anachronistisch “butch” gezeichnete Figur von Maxi Bossert (Rabea Egg), der selbsternannten Managerin von Emmi / Betty Bossi.

Und dann setzt die Dramaturgie auch sehr geschickt auf die tatsächlich recht modern wirkenden Konflikte zwischen Emmi und ihrem beruflich weniger erfolgreichen Ehemann Ernst (Martin Vischer) und ihrer Familienkonstellation mit der Ernährerin in Doppelrolle als mehrheitlich abwesende Hausfrau und Mutter. Und gerade in dieser Hinsicht schwingt sich das Drehbuch zu einem wirklich hübschen, romantisch getwisteten Happy End auf, welches das erzählerische Potential für einmal ausreizt.

Ernst (Martin Vischer) und Emmi (Sarah Spale) © Ascot Elite

Nicht zuletzt nutzt die Produktion den Umstand, dass mit Pierre Monnard ein Westschweizer Regie führt, zu einem weiteren subversiv-verschmitzten Gag, indem der unsäglich chauvinistische, USA-trainierte Jungspund-Kollege und Agentur-Konkurrent Aeby (Cyril Metzger) von Emmi Creola, eine nun tatsächlich Mad-Men-verseuchte Figur, aus der Romandie stammt. Auch dies ein Produktionstwist, der dem jenseits des Röstigrabens etwas verringerten Publikumspotential des Films etwas zusätzlichen Feuilleton-Gesprächsstoff liefern könnte.

Betty-Bossi-Fanpost soll den Agenturboss (Ueli Jaeggi) überzeugen © Ascot Elite

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass dieser Film sein marketingtechnisches Potential durchaus Bossi-würdig zu nutzen versteht, dass die Geschichte von Emmi Creola und Betty Bossi tatsächlich auf die Leinwand passt und dass die anfängliche Biederkeit von Inszenierung und Dialogen sich im Verlauf der 110 Minuten den gegebenen Möglichkeiten zumindest annähert.

Letztlich folgt die ganze Produktion dem Betty-Bossi-Motto «gelingsicher seit 1956», was den Film eben doch näher bei Riz Casimir verortet als bei einem würzigen Curry. Hallo Betty macht Spass. Aber der Stoff hätte so viel mehr hergeben können.

Derzeit im Lunchkino, regulär ab 20. November 2025
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