
Der Gerichtsfilm, das «courtroom- » oder «legal drama» ist ein bewährtes Kinogenre mit diversen Untergenres und unzähligen Beispielen, schliesslich steht das Verhandeln von allfälliger Schuld und Sühne im Zentrum so gut wie jeder menschlichen Aufregung. Aber was Dufeys und Deviller aus Belgien hier gebaut haben, das geht tiefer und ist emotional heftiger, als alle regelkonformen Vorgängerfilme.

Alice Piron (Myriem Akheddiou) muss mit ihrer Teenager-Tochter und ihrem sichtlich verstörten jüngeren Sohn zu einem Gerichtstermin. Sie hat den Kindern versprochen, dass sie ihren Vater, mit dem sie alle nichts mehr zu tun haben wollen, dort nicht antreffen werden. Aber das erweist sich schnell als illusorisch, natürlich wartet der Vater (Laurent Capelluto) mit seiner Anwältin am gleichen Ort auf den Termin. Was den jungen Etienne (Ulysse Goffin) dermassen in Panik versetzt, dass er sich im Treppenhaus versteckt und seine verzweifelte Mutter anschreit: «Tu es une menteuse!» – Du bist eine Lügnerin.
Auf diese kurze, in wenigen heftigen Szenen inszenierte Einführung folgt die eigentliche Anhörung vor der Familienrichterin, zu der nur die getrennten Eheleute, deren Anwältinnen und der Pflichtanwalt der Kinder im Raum zugelassen sind. Verhandelt wird auch nicht das hängige Verfahren wegen Inzest gegen den Vater, das der junge Sohn angestrengt hat, sondern einzig der Wunsch der Kinder, den Vater nie wiedersehen zu müssen.
Dieses 55 Minuten lange Kernstück des Films, die Anhörung der Parteien vor der Richterin, wurde in Echtzeit gedreht, mit drei Kameras, in einem einzigen Durchgang. Mit vorher präzis geschriebenen Dialogen, der Schauspielerin und dem Schauspieler in ihren Rollen und echten Anwälten, also schauspielerischen Laien, aber dafür Profis ihres Fachs.

Zu dieser Entscheidung hätten diverse Überlegungen geführt, sagen Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys:
«Erstens wollten wir, dass die Schauspieler die Unmittelbarkeit einer realen Verhandlung erleben, in der man nur eine Chance hat, sich zu präsentieren. Dieser Ansatz ermöglichte es den Schauspielern, intensiv zu spielen und spontan auf Unbekanntes zu reagieren. Für die Anwälte, die noch nie vor der Kamera gestanden hatten, vermied dies wiederholte Dreharbeiten. Unser knappes Budget und unser straffer Zeitplan waren ebenfalls Faktoren: Durch die Aufnahme der zentralen Szene in einer einzigen Einstellung mit drei Kameras konnten wir den gesamten Film in nur 13 Tagen fertigstellen.»
Das Resultat überzeugt. Die Nervosität aller Beteiligten ist greifbar, die Angst der Mutter, die tiefe Verletzung des Vaters und auch die Empörung und Motivation der Anwälte in ihren jeweiligen Plädoyers. Selbst die Reaktionen der klar um grundsätzliche Neutralität bemühten Richterin kippen bisweilen merklich, und zur Erleichterung des Publikums.

Dabei hilft auch die raffinierte Auflösung der Dia- und Monologe im Schnitt. Statt des üblichen Perspektivenwechsels zwischen den redenden Personen und den passenden «reaction shots» auf die Gesichter der Zuhörenden oder Angesprochenen bleibt die Kamera oft minutenlang auf einem Gesicht, etwa der Mutter, in dem sich Versagensangst, Zurückhaltung, Wut und Panik auf unglaubliche Art vermischen. Dann wiederum hören wir die empörte, nicht erlaubte Reaktion – die Parteien sind angehalten, sich gegenseitig ohne direkte Erwiderung anzuhören – aus dem Off, was jedem Satz, jeder Schilderung mehrere Perspektiven und kurzfristige Interpretationsmöglichkeiten verleiht.
Dabei hat der Film zwei gezielt und absichtlich selbstgewählte Probleme: Es geht hier nicht um die dramaturgisch befriedigende Findung der Wahrheit, nicht um die überraschenden Wendungen, die im standardisierten Gerichtsdrama durch die Aufdeckung vorher unbekannter Indizien herbeigeführt werden. Der Film sorgt sich um das, was unser Gerichts- und Gerechtigkeitsfindungssystem den Opfern – in diesem Fall den Kindern – antut, allenfalls antun muss, im Hinblick auf die vorausgesetzte Unschuldsvermutung für die Täter.

Darum wird im Verlauf der Anhörung deutlich, was die emotionale filmische Anlage schon mit der Einführung über die Mutter und die Kinder am Anfang suggeriert hat: Der Vater ist ziemlich eindeutig der Täter und das Entsetzen von Mutter und Kindern angesichts der Gerichtsmechanik gerechtfertigt. Das wiederum bedeutet, dass in der Anlage der pseudoneutralen Anhörung eine dramaturgische Entwicklung nicht nur unumgänglich, sondern absolut notwendig wird. Das Publikum wird in seiner Haltung bestätigt, von Anfang an auf der Seite der Mutter und der Kinder zu bleiben.
Und das führt zum zweiten selbstgewählten Problem des Films, dem «comic relief», der komischen Erleichterung, für die der Pflichtanwalt der Kinder, Maître Commuzzo (Mounir Ben-Naoum) herhalten muss.
Eine puristische, philosophisch konsequente Version des Drehbuches und der Inszenierung wäre damit zwar denkbar, aber letztlich viel weniger effizient und auch viel weniger befriedigend im Endresultat. Denn was Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers anstreben, das erreichen sie: On vous croit – man glaubt ihnen. Und anders als die Rechtsvertreter, die gezwungen sind, ihren eigenen Glauben an die Wahrhaftigkeit der Kinder hintanzustellen, dürfen wir als Zuschauer im Nachgang des Kinobesuchs die emotionale Wahrheit annehmen. Und damit im unauflösbaren Dilemma unserer Rechtsgrundsätze weiter schwimmen.
Dieser Film wird noch auf Jahre hinaus als perfekter Einstieg zum Stellen der nötigen Fragen zum Opferschutz dienen.
Kinostart am 20. November 2025
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