KONTINENTAL ’25 von Radu Jude

Die Poster für Rossellinis ‚Europa ’51‘ und Judes ‚Kontinental ’25‘

Nicht nur der Filmtitel und das Plakat von Radu Judes neuem Film beziehen sich auf Europa ‘51 von Roberto Rossellini. Wie damals Ingrid Bergmans Irene Girard, richtet nun auch Eszter Tompas Orsolya, nach dem Suizid eines Mannes von Schuldgefühlen überwältigt, den Blick auf den Zustand der Welt und der Gesellschaft.

In langen, ruhig gefilmten und gleichzeitig durch absurde Alltags-Settings aufgelockerten Gesprächen versucht Orsolya ihren Schuldgefühlen beizukommen, während alle ihre Gesprächspartner, vom Ehemann über die Freundin, die Mutter und den einstigen Studenten bis zum orthodoxen Priester ihr erklären, warum sie persönlich doch eigentlich keine Schuld treffe.

Kontinental ‘25 ist eine Bestandsaufnahme unseres modernen Grundzustandes: Wir halten unsere latente Verzweiflung über den Lauf der Welt in Schach, indem wir eine gemeinsame Meisterschaft der Verdrängung etablieren.

Kein Trost im Saurier-Park: Orsolya (Eszter Tompa) © Xenix

Im Prinzip macht Radu Jude damit dort weiter, wo er sich schon immer bewegt hat mit seinen Filmen, mit dem 2016 in Locarno gezeigten Vernarbte Herzen, dem wilden Bad Luck Banging or Loony Porn, mit dem er 2021 international bekannt wurde, oder erst recht mit Do not expect too Much from the End of the World von 2023.

Aber anders als in der von einem anarchisch-punkigen Witz geprägten Ästhetik seiner letzten Filme lehnt sich Radu Jude dieses Mal auch stilistisch eher beim klassischen Kino an. Zwar hat er seinen ganzen Film mit dem iPhone gedreht. Aber in fixen, ruhigen und klaren Einstellungen und mit dem dazu passenden klassisch ruhigen Schnitt.

Das kommt einerseits den zentralen Dialogszenen entgegen, all diesen Momenten, in denen Orsolya mit anderen darüber redet, wie schuldig sie sich fühlt, weil sie als Gerichtsvollzieherin mit der Zwangsräumung eines alten Alkoholikers aus dem Heizungskeller eines für ein Boutique-Hotel designierten Gebäudes ausgelöst hat, dass sich dieser mit Draht am Heizkörper erhängte.

Tickets gegen Turnen: Orsolya (Eszter Tompa) und ihr einstiger Student (Adonis Tanta) © Xenix

Andererseits bleibt dank dieser starren Einstellungen ohne Schwenk, Travelling oder Zoom genügend Zeit, um die von der iPhone-Kamera erfassten alltäglichen Absurditäten wahrzunehmen, die schlecht im waldigen Park aufgestellten mechanischen Saurier, den Roboterhund, der den Obdachlosen neugierig bedrängt, die vom Gesundheitsministerium aufgestellte ÖV-Ticketautomat, der vor der Kamera vollzogene Turnübungen mit Freikarten belohnt, oder auch das von einem Kind ferngesteuerte Modellauto, das den dozierenden Priester gotteslästerlich aus der Fassung bringt.

Radu Jude spielt mit seiner Protagonistin und ihren Gesprächspartnerinnen einen guten Teil aller möglichen Besänftigungsstrategien durch, deren wir uns alltäglich bedienen. Vom gegenseitigen Schuldablass mit der Versicherung, man hätte nichts tun können, über die Möglichkeiten, mit Geldspenden das eigene Gewissen zu beruhigen, philosophische, mathematische und logikgetriebene Argumentationsketten, nationalistische und chauvinistische Sündenbockstrategien oder auch einfach Saufen und Sex mit anschliessendem Kotzen und Heulen.

Ingrid Bergman und Giulietta Masina in ‚Europe ’51‘ (1952) / Eszter Tompa and Oana Mardare in ‚Kontinental ’25‘ © Xenix

Wenn sich die Gesprächspassagen manchmal ein wenig in die Länge ziehen, wird das aufgefangen durch die hinreissenden Darstellerinnen und Darsteller, allen voran die wunderbare Eszter Tompa, die als Orsolya die Herzen erobert und dabei mehr als nur ein wenig an Giulietta Masina erinnert, die auch in Rossellinis Europa ‘51 neben Ingrid Bergman geleuchtet hat.

Kinostart am 27. November 2025
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