
Die zum Teil überraschend poetischen Texte über die Kunst des spanischen Malers Vélazquez in diesem Dokumentarfilm liest Vincent Lindon, mit seiner charakteristisch sanften Reibeisenstimme. Nicht aber den ersten Text, der schon zu hören ist, während die Leinwand noch dunkel bleibt, und dann übergeht zu Bildern eines fliessenden Baches, mit einer leicht nasalen Intonation, die einem sofort bekannt vorkommt:
”Velasquez, après 50 ans, ne peignait plus jamais une chose définie. Il errait autour des objets avec l’air et le crépuscule, il surprenait dans l’ombre et la transparence des fonds les palpitations colorées dont il faisait le centre invisible de sa symphonie silencieuse…”
(„Velasquez, nach 50 Jahren, malte nie wieder etwas Bestimmtes. Er umkreiste die Objekte mit Luft und Dämmerung, er fing im Schatten und in der Transparenz der Hintergründe die farbigen Herzschläge ein, die er zum unsichtbaren Mittelpunkt seiner stillen Symphonie machte …”)
Dann kommt der Schnitt auf die Szene aus Godards Pierrot le fou, Belmondo liegt in der Badewanne, eine Zigarette an den Lippen hängend, und liest dem kleinen Mädchen, das neben der Wanne steht, aus Élie Faures “Histoire de l’art” vor: «C’est beau ça, hein, petite fille?»

Stéphane Sorlat macht sofort klar, dass sein Vélazquez-Film nicht die übliche Künstler-Dokumentation sein soll. Er folgt vielmehr dem Prinzip der wichtigsten Bilder des Malers, die stets mindestens so viel über ihre Entstehungshintergründe und die Kunst des Malers transportieren wie über die gemalten Subjekte.
Nur wenige Bilder der Kunstgeschichte wurden und werden so oft analysiert und interpretiert wie Las meninas von Vélazquez, dieses Gemälde, aus dem der Maler selbst herausschaut, und in dem ich mich als Betrachter in der Position des zu malenden Königspaares wiederfinde, das im Hintergrund als Spiegelbild zu sehen ist.

Sorlat reflektiert die Kunst, den Einfluss und Vélazquez’ einzigartige Stellung in der abendländischen Kunstgeschichte über die Auseinandersetzung seiner Zeuginnen und Zeugen mit dem Maler.
Da erzählen andere Maler von ihrem Kampf mit ihm, ihrer Bewunderung, seinem Einfluss. Darunter ganz grosse Namen wie Salvador Dalí, Picasso, Julian Schnabel, der ausführlich zu Wort kommt, oder auch Francis Bacon. Aber natürlich auch Professoren und Professorinnen, wie Amanda Wunder oder Araceli Guillaume Alonso von der Sorbonne, Kuratorinnen und Kuratoren oder eine Restauratorin.
Sie alle umkreisen Vélazquez wie eine Sonne, reflektieren sein Leuchten, seinen Einfluss, analysieren seinen Hintergrund, seine Technik, seine Abhängigkeiten oder auch seinen erstaunlich modernen Blick auch auf die «kleinen» Leute in seinen Bildern, die Namenlosen neben den Herrschenden, in deren Dienst er steht.

Dabei fällt unter anderem auf, dass sich gerade die Praktiker unter den Herren der Schöpfung regelrecht an Vélazquez abarbeiten, damit kämpfen, aus seinem Schatten zu treten, etwa Dalí, der ihn mehr oder weniger zum einzigen ihm ebenbürtigen Genie erklärt. Oder Picasso, der seine Bilder in eigenen Werken dekonstruiert, analysiert, interpretiert – was eine der Kunstexpertinnen spöttisch als leicht infantil bezeichnet, weil Picasso die revolutionäre Modernität von Vélazquez dabei nie erreicht habe.

Von den 23 namhaften Auftritten im Film gehören nur sieben den Frauen. Die wirken allerdings souveräner, abgeklärter und vor allem weniger getrieben, selbst die Praktikerinnen unter ihnen, die Restauratorin, welche seine Farbtechnik zwangsläufig so perfekt wie möglich kopieren muss, die Weberin, welche seine Motive aufnimmt oder die Regisseurin Isabel Coixet, die sich demütig und souverän zugleich immer wieder auf Vélazquez bezieht. Die Maler dagegen, die müssen sich alle abgrenzen. Oder unterordnen.

L’énigme Vélazquez kommt bei uns mit dem deutschen Titel Das Geheimnis von Vélazquez ins Kino. Das weckt vielleicht nicht ganz die richtigen Erwartungen. Denn über diesen Dokumentarfilm erfahren wir zwar unglaublich viel über den Maler und seinen Einfluss, über seine einzigartige Scharnierstellung zwischen Mittelalter und Moderne, aber sein Geheimnis, die unglaubliche Wirkung seiner Bilder, wird zum Glück nicht gelüftet, sondern fruchtbar gemacht.
Ich möchte jedenfalls so bald wie möglich wieder nach Rouen, endlich mal nach Madrid in den Prado, ich möchte mich ein paar Stunden vor ‚Las meninas‘ setzen oder vor sein letztes Gemälde, ‚Las hilanderas‘, die Spinnerinnen.
Und Godards Pierrot le fou habe ich auch eben wieder schauen müssen:
«C’est beau ça, hein, petite fille?»
Im Kino ab 27. November 2025
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