RIETLAND von Sven Bresser

Johan (Gerrit Knobbe) im Rietland © outside the box

Mord und Poesie? Wenn ich diesen Film so anpreise, dann nur, um der Aufmerksamkeit willen. Tatsächlich ist Rietland gleichzeitig viel dunkler, viel heller und vor allem viel mehr als bloss irgend so ein Sumpfkrimi.

Sicher, mitten in der natürlichen Fläche des Schilflandes findet Johan eine teerige Vertiefung, ein Loch in der Haut des Monsters seiner Kindheit. Johan findet auch die nackte Leiche einer jungen Frau aus dem Dorf. Und danach keine Ruhe mehr.

Die Stars von Rietland sind zwei Naturtalente. Der 61jährige Schilfschneider Gerrit Knobbe aus dem niederländischen Wasserdorf Belt-Schutsloot. Und die Riedlandschaft des nordholländischen Nationalparks Weerribben-Wieden. Beide dominieren in aller Stille und Grossartigkeit die Leinwand in diesem Film von Sven Bresser, den die Niederlande nach seinem Cannes-Debut in der diesjährigen Kritikerwoche als offiziellen Anwärter für die Oscars angemeldet haben. Sehr zum Erstaunen von Gerrit Knobbe und seiner Frau.

Rietland brennt © outside the box

Sven Bresser, der aufgewachsen ist in einem der letzten dieser Dörfer, die über Jahrhunderte vom Schilfabbau für Reetdachbauten gelebt haben, stellt schon mit den ersten Bildern seines Films sicher, dass wir uns auf seine beiden Protagonisten konzentrieren. Er zeigt Johan, der ganz alleine nach seiner Ernte in der einsamen Weite der Schilfflächen die unbrauchbaren Reste zusammenträgt, auf ordentlichen Haufen. Er zündet einen an, trägt eine mottende Heugabel voll Glut zum nächsten Haufen und zum nächsten und steht dann ruhig mitten in diesem gespenstischen Inferno aus Wasser, Feuer, Schilf, Wind und Rauch.

Danach steigt er in sein Boot mit Aussenborder und fährt zum einsamen Abendessen nach Hause.

Johans Frau ist gestorben, in ihrem Andenken kümmert er sich liebevoll um ihr altes weisses Pferd auf der Wiese hinter dem Hof. Und unter der Woche auch um seine Enkelin im Primarschulalter, die bei ihm wohnt, wenn ihre Mutter arbeitet.

Johan (Gerrit Knobbe) und das Teer-Loch © outside the box

Es ist eine realistische, harsche, naturnahe Idylle, die sich zunächst abzeichnet, auch wenn Bresser von Anfang an darauf achtet, die Landschaft nicht zu verklären, sondern sie zu einem echten und vor allem sehr andersartigen Protagonisten zu machen, einer Präsenz ohne Interesse an oder Mitgefühl für die Menschen, älter, grösser, mächtiger.

Die Vergewaltigung und Ermordung der jungen Frau schieben die Dorfbewohner denn auch übers Wasser, wie fast alles. Schuld seien bestimmt die «Trooters», die Anwohner des anderen Seeufers, die nie im Film auftauchen. Eben so wenig wie die chinesische Konkurrenz der Schilfschneider, die zusammen mit der EU schuld ist daran, dass das alte einheimische Gewerbe trotz der überlegenen Qualität des handgeernteten Schilfs nicht mehr überlebensfähig ist.

Dana (Loïs Reinders), Johans Enkelin, im Schultheater © outside the box

Johans nagende Zweifel, seine Verunsicherung, seine Angst um die Enkelin und um das Nachbarsmädchen, die wachsen ganz allmählich. Er findet Indizien, dass der Mörder wohl eher aus der eigenen Nachbarschaft kommt. Er erinnert sich an die Geschichten vom Sumpfmonster aus seiner Kindheit, die er auch seiner Enkelin erzählt.

Und während die Riedlandschaft nicht nur in seinen Augen ihre Unschuld verliert und sich zu jener unbezähmbaren, geheimnisvollen Präsenz auswächst, die sie schon immer war, wird auch Johan sich selbst und uns Kinozuschauern suspekt. Und mindestens einem seiner Nachbarn.

Johan hat die Polizei geholt. Aber er ermittelt selbst weiter © outside the box

Rietland ist ein Film voller Stimmung, unsentimental, unheimlich auch, aber auch voller Faszination und kontrastierender Wärme. Ein filmisches Meisterwerk, das um seine Meisterschaft weiss, sie selbstbewusst und ohne falsche Bescheidenheit mit sich trägt, wie der alte Johan seine Würde, seiner Erfahrung und seine unidyllische Menschlichkeit.

Im Kino ab 4. Dezember 2025
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