DREAMERS von Joy Gharoro-Akpojotor

Isio (Ronke Adekoluejo) und Farah (Ann Akinjirin) © First Hand Films

Als «Dreamers» wurden während der US-Präsidentschaft von Barack Obama jene illegal eingewanderten Kinder und Jugendlichen bezeichnet, die das entsprechende Gesetz vor sofortiger Abschiebung schützen sollte. Wenn die britische Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor ihrem Film diesen Titel gibt, dann steckt natürlich eine klare Absicht dahinter. Auch wenn ihre Heldinnen keineswegs Minderjährige in den USA sind, sondern aus Afrika illegal ins UK eingewanderte Frauen, die nun im Abschiebezentrum auf ihre Entscheide warten.

Das Hatchworth Detention Centre ist fiktiv, basiert aber auf dem realen Harmondsworth, ebenso wie die Geschichte von Isio und Farah, die auf die realen Lebensumstände der Filmemacherin rekurriert.

Isio (Ronke Adekoluejo) hat schon eine Weile ohne Papiere in England gelebt, als sie aufgegriffen und ins Abschiebezentrum eingeliefert wird. Dort trifft sie auf ihre Zimmernachbarin Farah (Ann Akinjirin), die sie gleich einmal vor der aufgesetzten Freundlichkeit der Betreuerinnen warnt: «Die wollen dir nicht helfen, die sammeln Informationen…»

Diese Informationen sind die gleichen, die in allen vergleichbaren Institutionen in Europa gesammelt werden. Indizien, welche auf Asylmissbrauch hindeuten und damit eine schnelle und legale Abschiebung ermöglichen sollen.

Farah (Ann Akinjirin), Isio (Ronke Adekoluejo) © First Hand Films

In der in dieser Hinsicht stärksten Szene des Films wird die quotengesteuerte Ignoranz des Systems schlagend entlarvt. Der Befragungsbeamte erfährt von Isio, dass diese aus Nigeria flüchten musste, nachdem ihre Mutter herausgefunden hatte, dass sie lesbisch ist:

«Why can’t you be gay in Nigeria?» fragt der Mann in aller Ahnungslosigkeit. «Because it is illegal», kommt die lakonische Antwort. Weil das dort verboten ist.

«And how can I be sure that you are gay?» – wie kann ich sicher sein, dass Sie wirklich lesbisch sind?

Die Frage stellt sich für Farah bald nicht mehr, sie verliebt sich schnell in die kratzbürstige Isio und diese sich nach kurzem Abwehrkampf in Farah. Ihr erzählt sie schliesslich auch, wie sie von ihrer Mutter eingesperrt und «zur Heilung» nacheinander von vier Männern vergewaltigt worden war.

Die Stärken dieses Erstlingsfilms sind auch seine Schwäche. Joy Gharoro-Akpojotor zeichnet ihre Protagonistinnen liebevoll und taucht ihre Filmbilder in warme Farben. Sie kontrastiert die Angst vor der Abschiebung mit der Hoffnung der Liebe und der Solidarität. Die Härte des Lebens in permanenter Unsicherheit und Angst blendet sie zwar keineswegs aus, zeigt auch Missbrauch und Schikane unter den eingesperrten Frauen und zwischen ihnen und dem Bewachungspersonal.

Aber im Bemühen, die aufkeimende Liebe zwischen den beiden Frauen zu betonen, ebenso wie die Freundschaft und Komplizität mit zwei weiteren Frauen, mit denen sie schliesslich Fluchtpläne aushecken, rutscht die Dramaturgie bisweilen RomCom-mässig ab, bis hin zu einer fröhlichen Sing- und Tanz-Sequenz in der Küche, die aus jeder zweiten einschlägigen Familien- und Liebeskinogeschichte stammen könnte.

Atefeh (Aiysha Hart), Isio (Ronke Adekoluejo) und Afia (Dolapo Oni) © First Hand Films

Wirklich schwierig ist allerdings der nachvollziehbare Entscheid, die Frauen als unzweifelhaft «echte Flüchtlinge» und das System als blind und ungerecht zu zeichnen, ohne den kleinsten Verweis darauf, dass es hin und wieder auch anders sein könnte. Kein Mensch ist illegal, nirgends, das taugt als grundsätzliche Haltung, aber nicht als dramatisches Movens in einer Geschichte, die sich mehr eine politische Utopie auf die Fahne schreiben will.

Die Umstände sind schrecklich, aber unsere Liebe lässt uns träumen und hoffen? Das ergibt einen schönen, bisweilen auch eindrücklichen Film, der aber so schnell wieder verklingt, wie ein Protestlied in der Radio-Drivetime.

Die wirklich interessante Geschichte würde dort beginnen, wo Dreamers endet.

Im Kino ab 11. Dezember 2025
Spielorte und -Zeiten


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.