
Ben ist 17 Jahre alt, Lehrling in einem Basler Modegeschäft, Gelegenheitskiffer, und ziemlich unsicher hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung. Die 16jährige Momo dagegen ist überzeugt, dass Protestieren, Demos und Aufbegehren wichtiger sind, als ein Schulabschluss. Ihre Freundin Zoe wiederum steht recht solide im Leben, bis sie an einer Party einen sexuellen Übergriff erlebt, und ihr Freund Sam von Neonazis spitalreif geprügelt wird.
Das alles spielte sich vor vier Jahren in kurzen Episoden auf Instagram ab, in einer in Basel gedrehten Jugendserie mit Jugendlichen, konzipiert für deren zentrale Plattform, das Smartphone.
Jetzt kommen die drei Jugendlichen und ihr engerer Freundeskreis auf die Kinoleinwand. Nicht als Fortsetzung, sondern als reformatierter Kanaltransfer.
Der augenfälligste Umbau dabei besteht darin, bis zu drei der für den Smartphone-Screen hochkant gedrehten Szenen nebeneinander zu montieren, zu einem multiperspektivischen, synchronen Triptychon.
Es ist verblüffend, wie kinotauglich die fast schon vergessene Split-Screen-Technik die schmalen Hochformat-Szenen der Schweizer Instagram-Jugendserie Becoming Momo macht. Dabei hilft natürlich, dass Ralph Etter, der Regisseur der 2021 mit der Filmschule filmkids.ch lancierten Insta-Soap, das Material in- und auswendig kennt.

In den 1950er und 60er Jahren nutzte Hollywood den Splitscreen vor allem für komödiantische Effekte, unvergessen etwa in Pillow Talk. Da ermöglichte der Split Screen , Mann und Frau gleichzeitig in der Badewanne oder im Bett beim telefonieren miteinander zu zeigen, suggestiv vereint, aber räumlich getrennt.
In den 1970er Jahren erlebte die Technik eine kurze Renaissance, nachdem Michael Wadleigh mit, unter anderen, Martin Scorsese und Thelma Schoonmaker das Filmmaterial von den legendären Woodstock-Konzerten auf der Leinwand so kombiniert hatte, dass etwa Publikum und Bands gleichzeitig zu sehen waren.
Zu einem echten multiperspektivischen Höhenflug verhalf dann Brian DePalma dem Verfahren mit Thrillern wie Sisters, wo sich Killer und Opfer auf je einer Hälfte der Leinwand aufeinander zubewegen.

Ralph Etter arbeitet mit dem Becoming Momo-Material für Wyld allerdings deutlich subtiler. zusammen mit Cutter Luca Zuberbühler verdichtet er die Hochkant-Szenen mal zu einem kurzfristigen Bildersturm, etwa wenn Ben (Tim Rohrbach) beinahe auf der Toilette beim Kiffen ertappt wird, oder wenn ihm sein eigener Gefühlssturm zu entgleiten droht. Viel häufiger aber bringen die mehrfachen Perspektiven eine überraschende Ruhe in die Szenen, etwa mit der einer gleichzeitigen frontalen und seitlichen Perspektive auf die jungen Menschen, welche unsere und ihre Wahrnehmung zu vereinen scheint.
Das führt nach den ersten etwas ungewohnt überfordernden Momenten im Kino sehr schnell zu einer berührenden Nähe zu den Figuren, insbesondere zu Ben, dessen persönliche Situation zwischen ungeliebten Job, Freundschaft mit seiner Kollegin, heimlichen Verliebtheit in den Freund der Freundin und der drohenden Lehrabschlussprüfung vieles in der Schwebe ist.
Die Serie wurde zusammen mit von filmkids.ch gecasteten und gecoachten Amateurinnen und Amateuren entwickelt, einige sind heute angehende oder ausgebildete Schauspielerinnen und Schauspieler. Dabei wirkt vor allem Tim Rohrbach absolut souverän und überzeugend eingepasst in seine Rolle. Dass seine jungen Kolleginnen mit Ausnahme von Jennifer Joy Lima als Jay bisweilen etwas abfallen im Vergleich, liegt wahrscheinlich weniger an deren darstellerischen Fähigkeiten als an ihrer damaligen Reife und vor allem an ihren im Vergleich zur Figur Ben weniger soliden, beziehungsweise überfrachteten Rollen.

Weil Becoming Momo als Instagram-Serie mit über 500 Episoden konzipiert war, ausgerichtet auf kurze Folgen mit vielen dramatischen Wendungen, häufen sich diese bisweilen im verschränkten Verlauf der Handlung, wie sie sich nun im Kinofilm präsentiert. Gerade die einst titelgebende Momo (Nina Brack) bleibt als Figur ziemlich unterentwickelt. Einerseits loben alle ihre Intelligenz und ihre Entschlossenheit, andererseits tappt sie fast blind in diverse Drehbuchfallen, vom verfrühten Schulausstieg über die schlecht gewählte WG in einem besetzten Haus, bis zum wirklich naiven Versuch, ihrem Leben als Hilfsentwicklungshelferin bei einem Afrikaeinsatz einen Sinn zu geben.
An diesen parallel und übertaktet gezeichneten Entwicklungen im Leben der Figuren liegt es denn auch, wenn der Kinofilm Wyld nach einer packenden und oft überraschend immersiven ersten Hälfte zunehmend ausfranst. Wenn Momo aus Scham und Verzweiflung plötzlich im Wald übernachtet oder eine andere, schön aufgebaute Figur plötzlich dramatisch im Off «entsorgt» wird, schlägt der serielle Charakter des Ursprungsmaterials wieder durch.
Aber im Hinblick auf die Möglichkeiten der Splitscreen-Dramaturgie und deren Nähe zu unseren längst allgegenwärtigen «second screen»-Gewohnheiten ist Wyld ein verblüffend potentes, wegweisendes Unterfangen.
Im Kino ab 11. Dezember 2025
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