SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen.

Das Haus der Familie Borg in Oslo © frenetic

Die Risse im Familiengefüge, die bestehen auch schon über Generationen, erneuern sich, bestimmen Stabilität und Standfestigkeit der Figuren, gerade auch der erwachsenen Nora (Renate Reinsve). Als Schauspielerin ist sie ein Star, auf der Bühne des Nationaltheaters in Oslo, und im norwegischen Fernsehen.

Sie hat es ihrem Vater, dem grossen Filmregisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård) nie verziehen, dass er seine Frau und seine Töchter verlassen hat. Und da taucht er plötzlich wieder auf im Haus, beim Abschiedsfest für die verstorbene Mutter. Mit einem Drehbuch, mit einer Hauptrolle für Nora.

Es ist schon ganz grosse Kunst, einen Film so komplex und so herzlich einfach zugleich zu machen, so packend dramatisch, vielschichtig, anspielungsreich – und einleuchtend.

Stellan Skarsgård, Renate Reinsve © frenetic

Da sind zunächst all diese Familienkonstellationen. Die Mutter von Gustav Borg, die sich nie von den zwei Jahren Haft und Folter im Nazigefängnis erholt hatte und sich das Leben nahm, als ihr Sohn sieben Jahre alt war. Deren lebensfrohe lesbische Schwester. Die Töchter Nora und Agnes, welche Gustav Jahre später mit der Therapeutin Sissel (Marianne Vassbotn Klasson) zeugt und schliesslich doch zugunsten seiner Filmkunst mit der Mutter im Haus zurücklässt.

Renate Reinsve © frenetic

Da sind die Starqualitäten der Schauspielerin Nora, ihr extremes Lampenfieber. Ihre Bindungsunfähigkeit, ihr verstocktes Schweigen und ihre Komplizenschaft mit Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas). Und dann die Zumutung, dass der Vater, nach Noras wütender Absage, die Hauptrolle in seinem letzten Film publicityträchtig und finanzierungsfördernd mit dem jungen amerikanischen Star Rachel Kemp (Elle Fanning) besetzt.

Das Familiengeflecht alleine, mit seinen Empfindlichkeiten, Verletzungen über Generationen hinweg, Verstrickungen und Wiederholungen, wäre komplex genug, um abzuschrecken. Aber Joachim Trier spielt mit seinem grossartigen Ensemble die komplexen Untiefen und Höhenflüge souverän und oft wohltuend humorvoll durch, mit einer emotionalen Tiefe, der man sich gerne überlässt.

Den unzähligen Meta-Elementen, den Verweisen auf Kunstwerke und Künstler, zivilisatorische und historische Verknüpfungen, den metaphorischen Konstruktionen und den psychologischen Spiegelungen muss niemand nachgehen, der oder die nicht möchte. Sentimental Value (Affeksjonsverdi im Original) darf ganz einfach zum Nennwert genommen werden.

Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas © frenetic

Der Film geht aber weit darüber hinaus. Trier macht eine Art Familienstellen, mit der täuschenden Leichtigkeit und der Pracht von Ingmar Bergmans letztem Meisterwerk Fanny och Alexander. Dabei ist es ebensowenig Zufall, dass der von Stellan Skarsgård gespielte Regisseur Gustav Borg Ingmar Bergmans Zügen, Biografie und Filmografie nachempfunden ist, wie auch die Namenswahl für Tochter Nora, die ohne Aufwand Ibsens gleichnamiges Theaterstück evoziert und für den Film sozusagen auf links dreht wie eine Socke vor dem Waschen.

Auf einer weiteren Ebene spielt Trier durchaus ironisch mit seinen eigenen Erfahrungen aus der Filmwelt, wenn Borg seinen amerikanischen Star am Filmfestival von Deauville anfixt, wenn sich herausstellt, dass die von Netflix finanzierte Produktion möglicherweise nie ins Kino kommen wird, wenn sich Borg und Rachel Kemp bei einem Publicity-Interview mit den unverschämten Fragen von einem «TikTok-Troll» auseinandersetzen müssen.

Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning © frenetic

Oder wenn Borg, der seinen langjährigen Kameramann Peter aus dem Ruhestand holen möchte, diesen dazu nach Jahren der Funkstille besucht und sich anerkennend über das luxuriöse Anwesen mit Swimming-Pool äussert, nur um von Peter zu hören zu bekommen, dass er das Haus Lasse Hallström verdanke und nicht etwa ihm.

Solche Gags sind über den ganzen Film verstreut, manchmal recht bissig überdreht, etwa wenn Gustav Borg seinem Primarschul-Enkel zum Geburtstag ein Paket DVD mit echten, absolut nicht kindertauglichen Meisterwerken schenkt, darunter Michael Hanekes Die Klavierspielerin, oder Gaspar Noës Irréversible.

Zuerst und vor allem aber ist Sentimental Value ein einfallsreich und subtil gebauter Film mit zahlreichen wirklich grossartigen Kunstgriffen. Hervorzuheben wäre da etwa Joachim Triers meisterhafter Einsatz von abrupten Schwarzblenden am Ende vieler Sequenzen, ein verblüffend wirksames Mittel, um so etwas wie Nachhall zu den Bildern zu erzeugen.

Oder eine kurze Sequenz gegen Ende des Films, wenn die Gesichter der Hauptfiguren ineinander übergehen. Durch einfache, klassische Überblendung schafft Trier hier einen den Film innert Sekunden zusammenfassenden Morphing-Effekt ganz ohne digitale Tricks.

Sentimental Value ist eine Weiterführung und Ergänzung zur sogenannten Oslo-Trilogie von Trier und Vogt, eine Kulmination von Triers künstlerischer Entwicklung. Aber zuerst und vor allem ist das ein Kinoerlebnis, das dank seiner familiären Vertrautheit mitreisst und begeistert.

Im Kino ab 11. Dezember 2025
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