
Ein «coming out» ist noch lange nicht das Problem der 17jährigen Fatima. Sie muss überhaupt erst einmal herausfinden, ob und wie sehr sie tatsächlich auf Frauen steht. Nicht einfach für das Nesthäkchen in dieser durchaus liebevollen französisch-algerischen Familie. Die beiden älteren Schwestern ziehen sie schon so dauernd gnadenlos auf. Dabei büffelt sie vor allem auf die Matura, schliesslich will sie an die Uni und Philosophie studieren. Zum Ausgleich spielt sie verbissen Fussball, alleine.
Regisseurin Hafsia Herzi wurde bekannt als Schauspielerin, ihr Durchbruch war 2007 La graine et le mulet («Couscous mit Fisch»), mit dem auch Filmemacher Abdellatif Kechiche international bekannt wurde. An den Erzähl- und Montagestil von Kechiche, insbesondere den seiner Mektoub-Trilogie, erinnert denn auch Herzis filmische Umsetzung des autobiografischen Erfolgsromans von Fatima Daas.

Es gibt wenig laute dramatische Szenen in diesem Film, die heftigste ist eine Prügelei zwischen Fatima und einem schwulen Mitschüler, der sie in einem Streit gegenüber ihrer ausschliesslich aus Jungs bestehenden Freundes-Clique als heimliche Lesbe outet – bevor sie selbst auch nur ansatzweise damit klar gekommen ist.
Fast alle grossen Kämpfe Fatimas sind innerlich, ihre Zerrissenheit kommt nicht zuletzt von ihrer tiefen muslimischen Gläubigkeit innerhalb einer Religion, in der gleichgeschlechtliche Liebe schlicht verboten ist.
Hafsia Herzi arbeitet gezielt mit dem Kontrast zwischen Innerlichkeit und Äusserlichkeit und dies mitunter verblüffend paradox. So sind die Gespräche bisweilen ausgesprochen explizit, vor allem, wenn Fatimas Freunde übertrieben machohaft und detailliert mit ihren Sex-Abenteuern mit älteren Frauen angeben. Oder wenn eines der experimentellen App-Dates Fatimas ihr im Auto ihre Spezialitäten beim lesbischen Sex schildert.

Die tatsächlichen One-Night-Stands und körperlichen Annäherung Fatimas an andere Frauen dagegen sind liebevoll und diskret inszeniert, mit einer klaren Steigerung über den dramatischen Bogen des Films.
Denn nach bestandenem Bac trifft Fatima an der Uni auf einen neuen, sehr offenen Freundeskreis. Die Pariser Pride-Parade und queere Feten mit stolzen und fröhlichen Frauen und Männern kontrastieren schliesslich immer stärker mit Fatimas abweisender Verschlossenheit – bis sie sich öffnet und prompt den ersten grossen Liebeskummer erlebt.
Ungewöhnlich und eindrücklich ist bei diesem Film vor allem, dass für einmal wenig Druck von aussen kommt. Fatimas Familie ist dermassen liebevoll, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ein Coming-out daran etwas ändern würde. Und ihr heimlicher Verehrer, der sie gerne heiraten und mit ihr eine muslimische Familie gründen würde, ist nicht der gewohnte sture Finsterling solcher Kino-Konstellationen, sondern ein feiner, zurückhaltender und vorsichtiger Junge, der alles daran setzt, sie nicht zu drängen.

Einzig der Imam, der letztlich die Rigidität von Fatimas eigenem Glauben zu vertreten hat, versteht überhaupt nichts. Er erklärt das Verbot der Homosexualität in allen grossen Weltreligionen wenig einsichtsvoll pseudohistorisch und deklariert, wenig hilfreich, immerhin sei die gleichgeschlechtliche Liebe bei Frauen weniger schlimm als bei Männern. Aber trotzdem verboten.
Abdellatif Kechiches fliessend musikalischer Montagestil dient Hafsia Herzi recht gut, auch wenn Fatimas verschlossene zentrale Perspektive wenig befreienden Überschwang zulässt. Dass Nadia Melliti für die Rolle ohne jegliche schauspielerische Erfahrung in Cannes im Mai den Preis für die beste Darstellerin gewonnen hat, zeugt zunächst vor allem davon, dass die Figur der Fatima in Herzis Inszenierung das Publikum erreicht.
La petite dernière berührt als Film, weil er weniger die äusseren gesellschaftlichen Zwänge anprangert und dafür spürbar den inneren Kampf der jungen Frau um ein lebenswertes, ehrliches Selbstverständnis vermittelt.
Im Kino ab 18. Dezember 2025
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