
Wahrscheinlich muss ein ehrlicher Film über den gesellschaftlichen Zustand der USA dermassen unangenehm sein wie Eddington. Der zunehmend gehässige Wahlkampf des Kleinstadtsheriffs Joe Cross (Joaquin Phoenix) um den Job als Bürgermeister gegen den Amtsinhaber Mayor Ted Garcia (Pedro Pascal) ist nicht nur ein Echo von Trump vs. Biden, der ganze Wahnsinn spielt auch noch in den Corona-Zeiten – mit allen kulturkämpferischen Implikationen.
Sheriff Joe, der eigentlich die offiziellen Regeln durchsetzen müsste, ist nicht nur ein vehementer Maskengegner, er hat auch Probleme mit seiner mental angeschlagenen Frau Louise Cross (Emma Stone), die er um alles liebt, und deren Mutter Dawn (Deirdre O’Connell), welche mit sektiererischer Vehemenz in alle verschwörungstheoretischen Wurmlöcher abtaucht.

Aufgezogen ist der Plot als Neo-Western in der fiktiven titelgebenden Kleinstadt in New Mexico.
Ari Aster packt so ziemlich alles in seinen satirischen Film, was zum gesellschaftlichen und sozialen Pandämonium der USA und eigentlich unserer ganzen Welt der letzten Jahre gehört. Jugendliche Proteste um «black lives matter» gegen die ausgerechnet der schwarze Hilfssheriff vorgehen müsste, territoriale Scharmützel um Zuständigkeiten zwischen der Reservationspolizei der native Americans, Influencer, Shitstorms auf social Media, einen von Austin Butler gespielten Verschwörungstheoretiker-Guru, dem Joes Frau und Schwiegermutter verfallen und gut organisierte, christlich-konservative, Tech-Bro-freundliche Reaktionäre.

Dass er sich dabei sichtlich bemüht, nicht alle Abgrenzungen entlang der bestehenden allgemein anerkannten Unterscheidungen und Divergenzen zu ziehen, spricht durchaus für ein gewisses Verantwortungsbewusstsein und den Wunsch, sich nicht so klar zu positionieren, dass der Film ideologisch vereinnahmt werden kann.
Rassismus und Bigotterie, ideologische Spaltung ohne rationale Substanz, überkommene und überholte «amerikanische» Werte… das alles passt eigentlich gut in die Hülle des Westerns. Hat das Genre doch das us-amerikanische Selbstverständnis verklärt und kritisiert, gefestigt und dekonstruiert, seit es das Kino gibt.
Satire kann Spass machen und befreiend wirken. Aber Eddington verweigert sich diesen bewährten Elementen, verzichtet weitgehend auf den Zucker, der dabei helfen würde, die Medizin zu schlucken. Eddington versteht sich wohl schon gar nicht als Medizin, sondern tatsächlich als verzweifelte Bestandesaufnahme.
In dieser Hinsicht ist der Film auch ein direkter Verwandter von Giorgos Lanthimos’ Bugonia, der, wie Eddington im Mai in Cannes, seine Premiere am letzten Festival von Venedig feierte und derzeit noch bei uns im Kino zu sehen ist.

In Bugonia spielt Emma Stone die ruchlose CEO einer Biotech-Company, welche vom Verschwörungstheoretiker Teddy (Jesse Plemons) und dessen geistig behindertem Bruder Don (Aidan Delbis) entführt wird, weil die beiden sie für ein Alien halten, welches die Menschheit im Auftrag ihres eigenen Emperors in die Selbstausrottung treiben will. Auch Bugonia ist, mit seinen Science-Fiction-Elementen, eine Genre-Satire mit Horror-Momenten, wie Eddington. Und Ari Aster ist einer der Produzenten des Films.
Auch Bugonia, ein freies Remake eines koreanischen Films von 2003, ist gleichzeitig sehr simpel in seiner eins-zu-eins-Metaphorik, sehr unangenehm in seiner drastischen Konsequenz, und, ähnlich wie Eddington, durchdrungen von einer seltsamen Nachwirkungskraft, gerade dank seiner Horror- und Splatter-Elemente.
Zwei Filme aus den USA also, welche, will man es positiv formulieren, die Augen nicht verschliessen vor dem gesellschaftlichen und sozialen Horror des Zerfalls der humanistischen und aufklärerischen Werte.
Das macht nicht wirklich Spass, aber es fährt ein, wie dieses längst zum Meme gewordene Mittel gegen Pferdeparasiten.
Im Kino ab 18. Dezember 2025
Spielorte und -Zeiten
(und Spielorte und -Zeiten für Bugonia)
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