THE LAST VIKING von Anders Thomas Jensen

Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Mads Mikkelsen kann alles. Der kann sogar einen verstörten, gestörten Mann mit Dauerwelle so spielen, dass man den einstigen Wikinger im Kind noch spürt. Auch wenn er nun nicht mehr Manfred heissen will, wie damals, als er und sein Bruder Anker (Nikolaj Lie Kaas) noch unter dem Alkoholikervater im Waldhaus zu leiden hatten.

Manfred hört nun nur noch auf den Namen John. John Lennon, um genau zu sein. Und er klaut Hunde in der Nachbarschaft, wenn Freja (Bodil Jørgensen), die Schwester der beiden, einen Moment nicht aufpasst. Mit all dem ist Anker etwas überfordert, als er aus dem Knast kommt. Er will bloss die Tasche mit dem Geld, das er damals gleich nach dem Banküberfall vom ahnungslosen Manfred hat verstecken lassen.

Søren Malling, Lars Brygmann und Nikolaj Lie Kaas in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Der schwarze Humor und seine Schmerzgrenzen sind kulturell und regional geprägt. Die britische Variante ist in der Regel «somewhat sophisticated», mit Ausnahmen natürlich, etwa bei Monty Python. Da spritzt das Blut, nachdem King Arthur dem schwarzen Ritter Beine und Arme abgehackt hat, und dieser meint noch immer, das sei bloss ein Kratzer und Arthur solle ihn gefälligst weiter bezweikämpfen.

‚Monty Python and the Holy Grail‘ (1975)

An die Python-Szene erinnert zwangsläufig die liebevoll animierte Eingangssequenz von Anders Thomas Jensens Den sidste viking. Da lässt der Wikingerkönig all seinen Untertanen einen Arm abhacken, nachdem sein Lieblingssohn seinen verloren hat – auf dass alle wieder gleich seien im Reich und Frieden herrsche.

Nun lässt sich historisch argumentieren, dass der Einfluss der Wikinger auf die Briten wohl ziemlich erheblich gewesen sein dürfte und die Verwandtschaft der schwarzhumorigen Schmerzgrenzenverschiebung daher unausweichlich.

Und doch geht Jensen von jeher meist einen entscheidenden Schritt weiter, wenn er tiefe Einsichten in die menschliche Psyche mit grobmotorischer Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit verknüpft. Damit hat er vor zwanzig Jahren, auch schon mit Mads Mikkelsen, in Adams Äpfel (Adams æbler, 2005) entzückt und verstört. Die Geschichte rund um den optimistischen Priester und die Kerle, die seinen Optimismus zu brechen versuchten, war so liebevoll brutal wie komisch.

Bodil Jørgensen und Mads Mikkelsen in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Jensen war da bereits ein Drehbuchveteran, Adams æbler war sein 31. Filmskript. Mittlerweile ist er bei 60 angelangt. Den sidste viking ist sein 59. Drehbuch und sein zehnter Film als Regisseur. Und seine Formel, die dem gebürtigen Dänen weit über seine skandinavischen Stammlande eine treue Fanbasis garantiert, die funktioniert nach wie vor hervorragend: Er spiegelt die maximale Brutalität des Lebens in seiner skurrilsten Menschlichkeit.

The Last Viking ist hier fast schon exemplarisch formelhaft und nimmt trotzdem oder gerade darum für sich ein.

Sofie Gråbøl in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Im Kern dreht sich die Geschichte darum, dass jeder Mensch sich selbst treu bleiben sollte, auch wenn das bedeutet, die Eigenwahrnehmung völlig von der Aussenwahrnehmung abzukoppeln.

Manfred tat dies als Junge, indem er sich in die Welt der Wikinger hineinträumte, wenn die Brutalität und die Zwänge des alkoholkranken Vaters ihn verstörten. Manfred wurde zum schmerzunempfindlichen Kämpfer mit Streitaxt und Hornhelm. Und als ihm sein Bruder nach einer tragischen Wende im Familienschicksal einschärfte, er könne nun nicht mehr Wikinger sein, da schaltete er eben auf John Lennon um. Warum, das erschliesst sich im Verlaufe des Films schlüssig und logisch.

Gleichzeitig aber gibt das Regisseur Jensen die Möglichkeit, eine ganze Batterie von klassischen Irrenwitzen organisch in sein Drehbuch einzuflechten, jene Witze, die damit spielen, dass jemand sich für jemand anders hält. So stellt nämlich Lothar, (Lars Brygman), die Theorie auf, dass er Manfred/John allenfalls in die Realität zurückholen könne, indem er die Beatles wiedervereinige – mit lauter ähnlich gelagerten, persönlichkeitsverschobenen Bandmitgliedern.

Nikolaj Lie Kaas, Lars Brygmann, Søren Malling, Kardo Razzazi, Peter Düring und Mads Mikkelsen in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Dass einer von den Kandidaten sich nicht nur für Paul McCartney hält, sondern auch für George Harrison, Björn von Abba, Heinrich Himmler und noch ein paar weitere, das sorgt dann bei den Proben vor dem Waldhaus der Kindheit von Anker und Manfred für ungeahnte Probleme, aber auch Einsichten.

Für jede komische Szene gibt es in diesem Film eine schmerzliche. Die mitunter explosive Brutalität wird cartoonhaft gedämpft und findet meist ausserhalb des Kamerablickes statt, während das blutige Resultat dann wieder ungeschönt ins Bild gerückt wird. Zusammen mit den menschlichen Einblicken und dem konstanten Spiel zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung bei allen Figuren ergibt das im Endeffekt einen Film, der sehr gekonnt und routiniert alle Katharsis-Register zieht, jene des Schreckens und jene des Lachens.

Im Kino ab 25. Dezember 2025
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