
Über zehn Millionen Eintritte in Japan und Japans Kandidat für die nächsten Oscars? Kokuho ist ein Film über das Kabuki-Theater, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben. Aber auch ein Film über Klassendünkel, Ehrencodices, Yakuza (mindestens so kinotauglich faszinierend wie die Mafia) und über den Mythos des (männlichen) Künstlers, der seine Kunst über alle moralischen und ethischen Bedenken hinweg zu perfektionieren hat.
Und den wiederum kennen wir bestens, gespiegelt in Filmen wie Mephisto, über den Teufelspakt eines Schauspielers mit den Nazi-Machthabern, oder im jüngsten einschlägigen Meisterwerk Sentimental Value von Joachim Trier, in dem sich die Töchter an der Abwesenheit des genialischen Künstlervaters abarbeiten.
Ganz am Ende von Kokuho ist es ebenfalls die Tochter des tragischen Künstlers, welche ihn daran erinnert, dass er seine Familie für seine Kunst verraten habe – aber, wie sie nachdenklich sagt, mit berührendem Erfolg. Dabei bezieht sie sich auf eine zentrale Szene des Films von Lee Sang-il.

Kikuo, Sohn eines Yakuza-Bosses hat es beinahe an die Spitze des Kabuki-Theaterruhms geschafft, er hat seinen besten Freund, Ziehbruder und Sohn des Kabuki-Meisters erfolgreich verdrängt und wurde vom Meister zu seinem Nachfolger erklärt. Da holt ihn seine Herkunft ein, das Publikum und vor allem die Kabuki-Szene stösst den tätowierten Gangster-Sohn aus. Als ihn seine kleine, nie wirklich anerkannte Tochter an einem Schrein beten sieht, und ihn darauf anspricht, erklärt er rundweg, er habe eben dem Teufel versprochen, auf alles in seinem Leben zu verzichten für eine erfolgreiche Karriere als Kabuki-Schauspieler und den Titel Kokuho – nationaler Schatz.

Der fast drei Stunden lange Film von Lee Sang-il beginnt im Jahr 1964. In Nagasaki taucht im Yakuza-Lokal der berühmte Kabuki-Star Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) auf, um sich für den Schutz durch die Gangs zu bedanken. Auf der Bühne wird ein klassisches Kabuki-Stück gespielt, und als Hanjiro sich positiv äusserst über die talentierte Geisha, welche die weibliche Figur verkörpert, erklärt der Yakuza-Boss, das sei keine Geisha, sondern sein Sohn.
Gleich darauf folgen Szenen, welche unsereins nicht von ungefähr an die Japan-Sequenzen aus Tarantinos Kill Bill erinnern.
Kokuho überspannt ein halbes Jahrhundert japanische Nachkriegsgeschichte, immer entlang der Entwicklung und Tradition des Kabuki-Theaters, das den meisten von uns unglaublich fremd und gerade dadurch faszinierend erscheinen dürfte. Wie es sich einreiht in die japanische Kultur und Geschichte, wie es sich vom traditionellen Nō-Theater unterscheidet, und was das wiederum für den Film bedeutet, dazu gibt es im online-Magazin des Filmverleihs trigon einen ausführlichen Text von Japanologe und Filmkenner Lukas Förster.

Ganz grob könnte man sagen, das Kabuki-Theater stamme ursprünglich eher aus den populären Sphären der volkstümlichen Unterhaltung, mit melodramatischen, komischen und unverhohlen erotisch-romantischen Zügen, im Gegensatz zur Hochkultur des Nō-Theaters. Dazu passt auch die Tradition des «Onnagata», die Übernahme der weiblichen Rollen durch männliche Darsteller, weil die Shogunats-Obrigkeit im 17. Jahrhundert die Frauen von der Bühne verbannte – was wiederum zum historischen Verständnis der Shakespeare-Bühne passt, auf der ebenfalls Männer die Frauenrollen spielten.
Aber so ganz funktionieren die Analogien nicht. Das macht Kokuho immer wieder klar mit den elaborierten Kabuki-Szenen, deren stilisierte Künstlichkeit weit entfernt ist vom simplen Kitsch hiesiger «volkstümlicher» Kultur. Lee Sang-ils Film nimmt gefangen mit dieser Mischung aus bekannten und unbekannten Elementen, historisch aufwändig nachgestellter japanischer Dekaden aus dem 20. Jahrhundert, Verweisen auf die Yakuza-Kultur, dem beiläufigen Hinweis Kikuos, seine Mutter sei an der «Nagasaki-Krankheit» gestorben und überhaupt dem Kontrast zwischen den hochartifiziellen Darstellungen auf der Kabuki-Bühne und der realistischen Rekonstruktion des japanischen Alltags der 1960er, 70er und 80er Jahre.

Mitsuki Takahata), Kikuo Tachibana (Ryô Yoshizawa) © trigon
Für das japanische Publikum verschiebt sich wohl die Faszination mit der Welt dieses Films über die Einblicke in die eigene Geschichte und Kultur (bis hin zu einem neu entfachten Interesse am Kabuki-Theater), während wir im Westen genügend Anknüpfungspunkte finden, um die unbekannten und «exotischen» Elemente zumindest ansatzweise zu begreifen.
Unsere ewige Faszination mit der japanischen Kultur lebt ja nicht zuletzt von dieser vertrauten Fremdheit. Und die kulturelle Ost-West-Spiegelung funktionierte immer wieder in beide Richtungen. Wenn Hollywood Kurosawas Die sieben Samurai (Shichinin no samurai, 1954) mit The Magnificent Seven (1960) als Western reininterpretierte, während Kurosawa sich seinerseits immer wieder bei Shakespeare bedient hat, etwa für Ran (King Lear), The Bad Sleep Well (Hamlet) oder Throne of Blood (Macbeth).

Kokuho ist ein epischer Film mit dem Atem und dem dramatischen Bogen ähnlich gelagerter Jahrhundert-Epen wie Coppolas Godfather–Trilogie oder Sergio Leones Once upon a Time in America. Aber thematisch eher vergleichbar mit einem anderen Coppola-Film: The Cotton Club.
Wer davon träumt, sich über James Camerons Avatar-Filme in fremde, fantastische Welten entführen zu lassen, und sich dann doch etwas enttäuscht mit dem immer gleichen Winnetou-Stoff abgespeist sieht, kommt über Kokuho tatsächlich mit etwas Neuem, Fremdem in Berührung.
Kinostart am 25. Dezember 2025
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