REBUILDING von Max Walker-Silverman

Dusty (Josh O’Connor) und seine Tochter Callie-Rose (Lily LaTorre) © cineworx

Es ist immer wieder kurz eigenartig, den jungen Prince Charles aus The Crown in einer us-amerikanischen Rolle zu sehen. Dabei überzeugt Josh O’Connor schon in den ersten Momenten, in denen er in Rebuilding als Cowboy Dusty zu sehen ist. Wortlos, leicht in sich zusammengefallen, physisch meilenweit entfernt von der Rolle als Tennis-Champion, die er in Challengers verkörperte.

Dusty hat fast alles verloren, seine Frau, die Jugendliebe, mit der zusammen er die Familienfarm betrieb, ist mit der gemeinsamen Tochter und ihrem neuen Mann zu ihrer Mutter gezogen. Und von der einstigen Farm stehen nach den letzten schweren Waldbränden nur noch die Grundmauern zwischen den verkohlten Baumstämmen des Waldes seiner Kindheit in Colorado.

Dusty (Josh O’Connor) © cineworx

In den ersten Szenen des Films sehen wir, wie er seine letzten Kühe versteigern lässt. Es wird zehn Jahre dauern, bis sein Weideland wieder genügend Gras für die Viehhaltung hervorbringen wird, erklärt der Bankmanager, der ihm darum den Wiederaufbaukredit nicht gewähren wird.

Die meisten Umstände um Dustys Leben erfahren wir beiläufig, ruhig und gerade darum eindringlich in den ersten zehn Minuten des Films. Das ist nicht nur eine der grossen Qualitäten des Drehbuches von Max Walker-Silverman, es zeugt auch vom Können der Schauspieler, die er für seinen zweiten Langspielfilm versammelt hat.

Nachdem er zögernd und nachdenklich seine verbliebenen Habseligkeiten in ein paar Schachteln in den Wohnwagen im kleinen Trailerpark der Katastrophenhilfsorganisation FEMA verstaut hat, taucht Dusty kurz bei seiner Ex-Frau Ruby (Meghann Fahy) auf und versichert ihr und ihrer Mutter Bess (Amy Madigan), er werde schon klarkommen. Die familiären Bande zwischen ihm und den Frauen sind klar zu spüren, auch wenn er zögert, als Ruby meint, er solle doch die kleine Tochter Callie-Rose (Lily LaTorre) für ein paar Stunden mitnehmen, sie habe noch zu tun.

Ruby (Meghann Fahy) © cineworx

Warum er zögert, wird spätestens beim Wohnwagen klar: Für ihn ist das eine deprimierende Notlösung, für die Tochter aber eine neue Umgebung, mit neuen Leuten in den Wagen links und rechts. Und erst als sie beiläufig nach dem WLAN-Passwort fragt, um ihre Hausaufgaben auf dem Schultablet machen zu können, wird auch ihr klar, dass nicht alles so weitergehen wird, wie bisher.

Dusty fährt mit Callie-Rose zur lokalen Bibliothek, deren WLAN auch ausserhalb der Öffnungszeiten von vielen der wegen des Feuers Gestrandeten in ihren Autos und Pick-Up-Trucks auf dem Parkplatz genutzt wird.

Dusty (Josh O’Connor) und Callie-Rose (Lily LaTorre) © cineworx

Rebuilding ist ein Film, der seinen Titel mit Leichtigkeit ernst nimmt. Dusty, der eigentlich temporär auf dem Hof seiner Schwester im 500 Meilen entfernten Montana auf Arbeit hofft, merkt, wie sehr seine Tochter an ihm hängt – so sehr, dass er die Abreise immer wieder hinausschiebt.

Es gibt eine ganze Reihe unvergesslicher Momente in diesem Film. Da packen Callie-Rose und das etwas ältere Mädchen aus dem Wohnwagen nebenan Dustys Kartons aus und finden eine Nachttischlampe, die sie aufstellen und einschalten. Worauf der so kühl und unpersönlich wirkende Wohnwagen plötzlich in warmem Licht erstrahlt. Und dann bekleben die zwei Mädchen die Innenwände mit unzähligen Glow-in-the-Dark-Sternen, löschen das Licht und sitzen mit dem staunenden Dusty plötzlich unter einem endlosen Sternenhimmel.

Josh O’Connor seinerseits belässt seine Figur so wortkarg wie möglich, stets freundlich, zurückhaltend und verschlossen. Wenn er Ruby von seinem temporären Job bei der Strassenreparatur-Equipe erzählt, meint er bloss schulterzuckend: «That’s just not me…» Und das wiederum macht der Schauspieler ohne ein Wort und fast bewegungslos augenfällig, wenn wir ihn in sich zusammengesunken mit einem Stop-Schild auf der Strasse stehen sehen.

Dusty (Josh O’Connor) und seine temporäre Trailer-Familie © cineworx

Rebuilding bezieht sich auf das ganze Leben, die Familie, ihre Geschichte, die Brüche und Risse, die Katastrophen und ihre Überwindung. Wenn Dusty sich lange weigert, das Leben im Wohnwagen und mit den dortigen temporären Nachbarn anzunehmen, gehört dies zu seinem eigenen Wachstumsprozess.

Im Prinzip folgt dieser Film von Max Walker-Silverman der Erkenntnis, dass ohnehin nichts bleibt, wie es ist, und dass es darum angebracht sein könnte, mit der Veränderung zu leben, mit der temporären Familie und den bleibenden Erinnerungen.

Dabei erinnert er durchaus gewollt an weitere zeitgemässe Beispiele von «Neo-Americana» im Kino, insbesondere Nomadland (2020) und The Rider (2017) von Chloé Zhao, massiv mitgetragen durch den Score und die Sound-Tracks von James Elkington und Jake Xerxes Fussell und etlichen Neo-Folk-Country-Tunes.

Dass Rebuilding dabei stets spürbar Gefahr läuft, in sentimentalen Kino-Optimismus zu verfallen, der Falle aber ein ums andere Mal souverän entgeht, ist das eigentliche kleine Wunder dieses wirklich schönen und herzlichen Films in unserer Welt voller Katastrophen.

Im Kino ab 1. Januar 2026
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