FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch

Lilith (Vicky Krieps), Timothea (Cate Blanchett) und ihre Mutter (Charlotte Rampling) © filmcoopi

Geschwister und Eltern. Zum Jahresende hin waren die meisten von uns wieder einmal mit diesen Konstellationen konfrontiert, meist nicht abschliessend. Aber da hängt was in der Seele; es hat seinen Platz, selbst dann, wenn wir die Zeit dafür kaum je wirklich finden: Vater, Mutter, Schwester, Bruder… sie sind ein Stück von uns.

Jim Jarmusch wird am 22. Januar 2026 73 Jahre alt. Vielleicht auch darum hat er sich die Zeit genommen, dem nachzuspüren, was da in der Seele hängt, oder auch bloss kitzelt. Sein jüngster Film ist eine Art Installation. Eine Familienaufstellung als Versuchsanlage, ein Triptychon, und damit tatsächlich schon fast eine Altartafel.

In drei vordergründig voneinander unabhängigen filmischen Episoden spielt er mögliche Konstellationen durch, zwischen Wiedererkennen und kompletter Entfremdung.

Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) © filmcoopi

Im ersten Teil, Father, sind die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) in Jeffs SUV unterwegs, um nach langer Zeit ihren Einsiedler-Vater (Tom Waits) zu besuchen. Schwester und Bruder haben sich offensichtlich auch lange nicht mehr getroffen, tauschen während der Fahrt schon oberflächliche Updates zu den gegenwärtigen Lebensverhältnissen aus und vorsichtig tastend die Einschätzung des jeweils anderen zum Vater, den beide offensichtlich als nicht allzu vertrauenswürdige Figur in ihrem Leben verstehen.

Adam Driver ist in den letzten zehn Jahren über seine Rollen in The Dead Don’t Die und Paterson Teil von Jarmuschs langjähriger Filmfamilie geworden. Und die bei uns fast nur über ihre Rolle als Sheldon-Freundin Amy Farrah Fowler in The Big Bang Theory bekannte Mayim Bialik gleicht Driver schon rein physisch so wunderbar, dass man die zwei problemlos als Geschwister erkennt. Während Tom Waits schon so lange Teil der Jarmusch-Familie ist, dass er die Rolle dieses Vaters sozusagen organisch verkörpert.

Father (Tom Waits) © filmcoopi

Wie sich der Alte bedürftiger und unbedarfter gibt, als er tatsächlich ist, passt in der Folge zur Dynamik zwischen Schwester und Bruder, bei denen Misstrauen und Fürsorglichkeit sich in einer delikaten Balance befinden. Ganz zu schweigen von der durchgehend spürbaren Verlegenheit des ganzen Trios, die sich erst löst, als die Kinder nach erfolgtem Pflichtbesuch den geordneten Rückzug antreten.

Die Dialoge in diesem ersten Teil sind klassisch Jarmusch, vor allem Tom Waits suhlt sich geradezu in dieser raspeligen Alltagsgewichtigkeit, die uns seit Coffee and Cigarettes fast allzu vertraut erscheint – bis hin zur Schlitzohrigkeit von Waits’ Figur. Tom Waits for nobody…

Timothea (Cate Blanchett) © filmcoopi

Umso überraschender ist dann Mother, der zweite Teil des Triptychons. Da lässt Jim Jarmusch das ungebremste Aktricen-Maximum auf sein Publikum los. Charlotte Rampling spielt die feingeistige, ironische und typgerecht unterkühlte Bestsellerautorin, welche ihre diametral unterschiedlichen Töchter Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) zu wunderbar steifem Tee und Kuchen empfängt.

Auch hier sind die Dialoge geschwängert mit Kindheits-Ressentiments und enttäuschten sowie erfüllten Erwartungen, aber sie klingen anders als sonst bei Jarmusch, wohl auch darum, weil der Filmemacher seinen drei ausgewiesenen Schauspielerinnen mehr oder weniger freie Bahn gelassen hat. So dreht Rampling noch einmal ihre mütterlich schneidende Bitch-Sphinx voll auf, während Krieps und Blanchett mit sichtlichem Vergnügen ihre gewohnten Screen-Persönlichkeiten unterlaufen. Cate Blanchett als duckmausig brave Underachieverin ist nachgerade invert grotesk. Und die sonst nicht minder druckvolle Vicky Krieps als schwindelnde Möchtegern-Rebellin nicht minder.

Zwillinge Billy (Luka Sabbat) Skye (Indya Moore) © filmcoopi

Wenn die ersten beiden Teile des Films also vor allem die Entfremdung und die zugehörige überspielende Höflichkeit zwischen Geschwistern und Elternteilen forcieren, dann ist der dritte Teil, Sister Brother, die hoffnungsvoll konsequente Gegenthese, das Abschlussfest.

Indya Moore und Luka Sabbat als Zwillingsgeschwister Kye und Billy treffen sich nach dem Tod der Eltern in deren Pariser Appartement, der Wohnung ihrer Kindheit. Die symbiotische Vertrautheit der beiden, der weder Distanz noch Jahre etwas entgegenzusetzen hatten, beschwört die Familiengeschichte und die Erinnerung an Vater und Mutter mit einer melancholischen Wärme, die nach der bisweilen zynischen Distanz der beiden ersten Filmteile um so herzlicher wirkt.

Father Mother Sister Brother ist in jeder Hinsicht ein echter Jarmusch, warmherzig sperrig, kratzig weich, mit seinen seriell gesetzten Elementen wie Autofahrten, ausweichenden Dialogen, gezielt poetischer Banalität und provokativ banaler Poesie in allen Spielarten, musikalisch reichhaltig und kontrapunktisch, und ein Fest für alle Darstellerinnen und Darsteller und ihr Publikum.

Im Kino ab 8. Januar 2026
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