NACKTGELD von Thomas Imbach

Lili (Deleila Piasko) und Dorsday (Milan Peschel) © oko film

Die 19jährige Else soll ihren Vater vor Gefängnis und Ruin bewahren, indem sie einen seiner Geschäftspartner dazu bringt, ihm die benötigten 30’000 Gulden zu überweisen. Dieser Dorsay erklärt sich ihr gegenüber dazu bereit, wenn er Else im Gegenzug für eine Viertelstunde nackt sehen dürfe.

Das ist die Ausgangslage für Arthur Schnitzlers Novelle «Fräulein Else» von 1924. Die inneren Nöte, das Dilemma, aber auch die gesellschaftliche Situation und die Gedankengänge der jungen Frau hat Schnitzler in einen nur von gelegentlicher direkter Rede unterbrochenen inneren Monolog gepackt, ähnlich, wie er das ein Vierteljahrhundert früher in seinem Pionierwerk «Lieutenant Gustl» getan hatte. Dabei folgte Schnitzler bei seiner Else einer ganzen Reihe der von seinem Wiener Zeitgenossen Sigmund Freud postulierten Lehrsätze. Was wiederum «Fräulein Else» zu einem psychologischen Interpretationsfest für Akademien machte. Und zu einem immer wieder neu bearbeiteten Stoff: Mindestens sieben Verfilmungen sind in den hundert Jahren seit der Veröffentlichung entstanden.

Und nun eine weitere, ziemlich gross- und neuartige, vom immer wieder frisch innovativen Schweizer Filmemacher Thomas Imbach, der, zumindest mit dem deutschen Filmtitel, international heisst das Werk Exposure, direkt auf den zentralen Reizwert zielt, als ob er das gleich mal auf, oder vom Tisch haben möchte: Nacktgeld.

Lili (Deleila Piasko) © oko film

Else heisst bei Imbach Lili. Mit der in wahrhaft anrührender Schönheit erstrahlenden Deleila Piasko hat Imbach dabei eine ideale und kompetente Darstellerin für die facettenreich zwischen klarsichtig-feministischer Schärfe, Backfisch-Begehren und todessehnsüchtiger Verzweiflung umherflatternde Figur gefunden.

Das mondäne Urlaubshotel der Novelle hat Imbach vom Trentiner San Martino di Castrozza in die Schweiz verlegt, ins anspielungs- und verknüpfungsreich besetzte Waldhaus in Sils-Maria. Statt vom Ausflug zur Rosetta-Hütte in den Dolomiten träumt Lili nun vom filmmythologisch viel heftiger belegten Piz Palü. Was Imbach auch Gelegenheit gibt, wunderschöne Aufnahmen der legendären Maloja-Schlange in seinen Film einzubauen, in direkter Reverenz an Clouds of Sils-Maria vom seinerseits filmmythomanisch beschlagenen Franzosen Olivier Assayas.

Paul (Jan Bülow) und Lili (Deleila Piasko) © oko film

In anderen Einstellungen von Nacktgeld beschwört Imbach beiläufig auch Hitchcock, etwa mit einem bedrohlich-fröhlichen Karussell, oder, in einem irrwitzig passenden Anachronismus, das unheimliche Wien aus Carol Reeds The Third Man von 1949, mit einer verzerrt-schmerzlichen Version des berühmten Zither-Themas von Anton Karas.

Thomas Imbach hat ein wunderbares Flair für historische Zusammenhänge und technologische Innovation; er denkt sozusagen stets rückwärts und vorwärts zugleich. Er hat das formal und inhaltlich perfektioniert mit seinem Dokumentarexperiment Day is Done von 2011 und er war schon in ähnlichem Territorium unterwegs mit seiner Stefan-Zweig-Interpretation Mary Queen of Scots von 2013.

Für Nacktgeld hat er nun wieder Pionierarbeit geleistet. Gedreht wurde der Film mit der relativ neuen Technik der Virtual Production im Filmstudio Basel. Dabei wird der grösste Teil der Hintergründe und der Szenerie auf riesigen Monitor-Panels ausgespielt, beweglich und mit Game-Engine-gesteuerter Präzision, während sich die Darstellerinnen und Darsteller im Studio in minimal ergänzenden physischen Sets bewegen. Im Gegensatz zur klassischen Green-Screen Technik, bei der sie sich die später digital hinzugefügte Umgebung beim Spielen vorstellen müssen, bewegen sie sich bei der Virtual Production in lebendigen Kulissen. So werden unterdessen ganze Serien wie etwa The Mandalorian gedreht.

Aber Thomas Imbach wäre sich selbst und seinem Innovationsgeist nicht treu geblieben, hätte er nicht auch diesen neuen technologischen Möglichkeiten einen eigenen Twist gegeben: Er hat seinen Film analog gedreht, auf Super16, was, zusammen mit den Kostümen und der Ausstattung, das historische Setting zwischen Fin de Siècle, Jazz Age und der Wiener Moderne fühlbar macht.

Lili (Deleila Piasko) © oko film

Imbach inszeniert seine Bilder mal flächig, mal mit Raum und Tiefe, und hin und wieder mit atemberaubender gestalterischer Bravado, etwa wenn Lili durch eine Drehtür kommt, oder durch nicht ganz durchsichtige Scheiben zwischen Lobby und Hotel-Salon nach Dorsay (Milan Peschel) späht, in gleichzeitiger Angst und Hoffnung, er sei vielleicht doch gar nicht da.

Die Bildgestaltung ist dabei höchst vielseitig. Mal evoziert Imbach die Symmetrie eines Wes-Anderson-Sets, dann wieder, im Spiel mit Vorder- und Hintergrund, Anime oder Graphic Novel und bisweilen, etwa mit einer durchs Hotelzimmerfenster über die Landschaft davon fliegenden Lili, den Stil einst nicht ganz zulänglicher Tricktechniken – mit einem nostalgisch-augenzwinkernden Aufrichtigkeitseffekt.

Dorsday (Milan Peschel) und Lili (Deleila Piasko) © oko film

Nicht nur der filmische Ablauf folgt recht treu der Novelle von Schnitzler, auch Monolog und Dialoge sind weitgehend direkt aus der Vorlage übernommen, aber nicht mit sklavischer Treue. Auch hier bilden Rückschau und Gegenwart, Werktreue und Interpretation ein dynamisch-organisches Konglomerat, bei der Ausstattung, dem Sound Design von Peter Bräker, der Musik von Ephrem Lüchinger und nicht zuletzt beim Spiel von Deleila Piasko, die das Wunder vollbringt, mit ihrer Lili gleichzeitig Schnitzlers «Fräulein Else» und eine gegenwärtige junge Frau zu verkörpern.

Piaskos mal robuste, dann wieder fast durchsichtige Körperlichkeit kommt der auf Nähe insistierenden Kamera entgegen, besonders dann, wenn sie sich monologisch und im Bild von Milan Peschels physisch kaum verhohlener Aufdringlichkeit und verbal verbrämter Pseudoformalität zu distanzieren sucht. Da beweisen die männliche Zumutung und Zudringlichkeit ihre Zeitlosigkeit weit über jedes #MeToo-Echo hinaus.

Aber auch sprachliche Feinheiten heben die Grenzen zum historischen Setting bisweilen subtil auf. Wo Else in Schnitzlers Text innerlich konstatiert: «Ich red‘ Blödsinn», entfährt Deleila Piasko ein durchaus heutiges: «Ich red’ Scheiss!»

Mit Nacktgeld ist Thomas Imbach ein reflektierter, feinfühliger und bisweilen überraschend witziger filmisch-literarischer Brückenschlag über hundert Jahre hinweg gelungen, eine exemplarisch zeitgenössische Interpretation von Lektüre, wie damals 2006 mit der autobiografisch eingefärbten Büchner-Interpretation von Lenz. War damals Zermatt der Schauplatz, ist es heute Sils-Maria. War damals Milan Peschel das alter ego des Filmemachers, ist der gleiche Peschel heute die Nemesis der Hauptfigur Lili. Aber auch Lili kämpft um das romantische Ideal von Lenz: Das Genie schreibt sich seine eigenen Regeln. Notfalls im eigenen Kopf.

Kinostart am 8. Januar 2025
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