AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés

© Sister Distribution

Drei vermummte junge Frauen und zwei unmaskierte alte Männer sitzen um ein Lagerfeuer und reden über Widerstand, systemische und legitime Gewalt. Das ist die abenteuerliche Ausgangslage für den Dokumentarfilm Autour du feu, der seinen Autorinnen vor zwei Jahren den «Prix visioni» der Solothurner Filmtage eingebracht hat. Jetzt kommt er bei uns ins Kino, knapp vor dem Start der 61. Solothurner Filmtage (der letztjährige «Prix visioni» ging übrigens an Bilder im Kopf von Eleonora Camizzi).

© Sister Distribution

Auch wenn das filmische Setting erst einmal abstrus klingt, ist das auf der Leinwand nicht nur attraktiver als eine vergleichbare Gesprächsrunde im Studio. Es zeigt sich auch sehr schnell, dass dieses Feuer im Wald die fünf Menschen und ihr Denken stärker verbindet und repräsentiert, als man zunächst ahnen mag.

Die jungen Frauen sind mehr oder weniger militante Aktivistinnen, Teil von XR (Extinction Rebellion), aus der Besetzerszene der ZAD du Mormont oder mit antirassistisch und antikoloniaistisch geprägtem Migrationshintergrund.

Warum alle drei vermummt auftreten, erklären sie im Verlauf der Gespräche selbst: Sie riskieren Verfolgung und Gefängnis schon allein durch ihre Zugehörigkeit zu Gruppierungen, die allenfalls illegale Aktionen planen könnten.

Während die beiden Männer, die zusammen mit einem Dritten in den 1970er Jahren die radikale linke Fasel-Bande bildeten, ihre Zeit im Gefängnis schon hinter sich haben, jeweils verurteilt für tatsächlich begangene Taten wie Raubüberfälle, stellt eine der jungen Frauen nicht zu Unrecht fest, die kapitalistische Gesellschaft würde sie heute nach Möglichkeit schon für reine Absichtserklärungen aus dem Verkehr ziehen.

Jacques Fasel © Sister Distribution

Revolutionäre hätten sich schon immer in den Wäldern versteckt, meint Fasel, dem die Presse auch den Namen „Robin des Bolzes“ verpasst hatte. Und tatsächlich passt auch das zur Rückzugszone der Besetzerszene, welche symbolträchtig und gewaltfrei einen Steinbruch des Zementkonzerns Holcim belegte. Wobei eine der Frauen meint, körperlich passiver Widerstand gegen die räumende Polizei sei ja gut und recht. Aber im Prinzip sei es ja doch bloss dekorativ, erst Barrikaden zu bauen und diese dann nicht zu verteidigen.

Dass sich vieles verändert hat, in den letzten fünfzig Jahren, das kommt auch immer wieder zur Sprache. So meint einer der Männer, die Jungen hätten heute ganz andere Mittel zur Verfügung als sie damals, schnelle Kommunikation, soziale Medien, agile Organisation und schliesslich wohl auch eine andere mediale Präsenz. Worauf die Jüngeren das alles wieder relativieren, mit dem Verweis darauf, wie sehr gerade die kommunikativen Möglichkeiten im Dienst des Kapitals stünden, wie sehr die direkte staatliche Überwachung und manuelle Fichierung der 1970er Jahre heute der elektronischen Selbstüberwachung und -Preisgabe gewichen sei.

«Wir hatten damals den Ostblock als ultimativen, allenfalls utopischen Rückzugsort», pflichtet ihr einer der Männer bei: «Ihr könnt nirgends mehr hin».

Cazador und Cortés bleiben nicht konsequent im Wald; Autour du feu ist mit dokumentarischem Material ergänzt, das sowohl die Aktivitäten und Hintergründe der Fasels wie auch der aktuellen Bewegungen illustriert. Das hilft bei der gesellschaftlichen und historischen Einordnung, bricht aber leider auch den Feuerzauber bisweilen empfindlich.

Dass es qualmt am Lagerfeuer, dass die Funken stieben, dass es dunkel ist im Wald, aber erhellend in den Gesprächen, das macht die 80 Minuten dieses ungewöhnlichen Dokumentarfilms ohren- und augenfällig attraktiver, als es eine Beschreibung erahnen lassen kann.

Und die Widersprüche, die legitime Wut und Verzweiflung, gemischt mit romantisch-revolutionärem, jugendlichem Impetus über die Generationen hinweg, die fahren einem in die passiven, kinosesselunterpolsterten Knochen.

Aktuelle Vorführungen mit den Filmemacherinnen
Im Kino ab 8. Januar 2026

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