JEUNES MÈRES von Jean-Pierre & Luc Dardenne

Elsa Houben, Mathilde Legrand, Lucie Laruelle, Janaina Halloy, Babette Verbeek, Samia Hilmi © Xenix

Vier junge Frauen, neue oder angehende Mütter, kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Existenz, ihren Ängsten und der ungewissen Zukunft für sich und ihre Neugeborenen. Und erst als mit India Hair tief im Geschehen das erste und einzige bekannte Schauspielerinnengesicht auftaucht, bin ich von dem überzeugt, was ich von Anfang an wusste: Das ist kein Dokumentarfilm.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jérémie Renier als Bruno in L’enfant seinen neugeborenen Sohn verkaufte, gegen den Willen der jungen Mutter. Der Film machte den jungen Belgier zu einem überraschenden Star des französischsprachigen Kinos und brachte den Dardenne-Brüdern in Cannes ihre zweite Goldene Palme ein.

Sieben Filme später haben Jean-Pierre und Luc Dardenne – nun in ihren 70ern – ihren über Jahrzehnte hinweg verfeinerten Neo-Neorealismus so weit perfektioniert, dass sie ihre schon immer dokumentarisch anmutende Methode auf ein ganzes Ensemble ausweiten.

Eva Zingaro, Babette Verbeek © Xenix

Gemeinsam ist bei den vier jungen Frauen zunächst nur, dass sie alle in diesem betreuten Haus in Lüttich untergekommen sind, wo ihnen erfahrene Frauen helfen, ihr Leben und den Umgang mit Geburt und Baby auf die Reihe zu bekommen. Und, wie sich bald herausstellt, haben sie alle die riesige Angst, die Fehler ihrer eigenen Mütter zu wiederholen.

Jessica (Babette Verbeek) ist hochschwanger und versucht verzweifelt, Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter Morgane (India Hair) aufzunehmen, die sie als Baby weggegeben hatte.

Jef Jacobs, Elsa Houben © Xenix

Mitbewohnerin Julie (Elsa Houben), seit zwei Jahren frei von Drogen, lässt sich zur Coiffeuse ausbilden und freut sich auf die Hochzeit mit dem Vater ihrer Tochter, Dylan (Jef Jacobs), gleichzeitig aber fürchtet sie sich panisch vor einem Rückfall.

Zur gleichen Zeit trifft Perla (Lucie Laruelle) den Vater ihres Babys wieder. Aber der hat offensichtlich kein Interesse mehr, weder an ihr noch an dem Kind. Und je klarer Perla wird, dass ihr Familientraum platzen dürfte, desto irrationaler klammert sie sich daran und wird dabei depressiv.

Lucie Laruelle und Janaina Halloy © Xenix

Und schliesslich Ariane (Janaïna Halloy Fokan), die sich mit der Entscheidung quält, ihre Tochter zur Adoption freizugeben, gegen den Wunsch ihrer Mutter Nathalie (Christelle Cornil) welche hofft, mit Arianes Baby ihre eigenen Versäumnisse als Mutter ungeschehen machen zu können.

Die Geschichten der vier jungen Frauen erzählt der Film verschränkt, aber im gewohnt dokumentarisch-realistischen Stil der Dardennes, mit Plansequenzen, in realen Umgebungen, und mit einer sehr nahen Kamera, die den Protagonistinnen immer wieder direkt über die Schulter schaut. Dass sie nicht nur von dem realen Mütter-Töchter-Haus in Liège/Lüttich ausgegangen sind, das sie überhaupt auf die Idee brachte, sondern auch tatsächlich dort drehten, ist typisch für den Stil und das Vorgehen.

Dardenne-Filme sind immer hochverdichtete Sozial-Recherchen.

Die Parallelführung der Einzelschicksale, mit all ihren Berührungspunkten und Gemeinsamkeiten, nimmt diesem Dardenne-Film zumindest einen Teil der gewohnten Spannung, nicht aber die Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil: Gerade weil die vier jungen Frauen (und eine fünfte, die nur kurz als Verkörperung der Hoffnung noch einmal im Heim vorbeischaut) so viele Berührungspunkte haben, und sie sich darum auch untereinander ausgesprochen solidarisch verhalten, strahlt der Film allem Sozialrealismus zum Trotz mehr Hoffnung aus, und weniger implizite gesellschaftliche Anklage als frühere Dardenne-Werke. Natürlich auch, weil für einmal eine funktionierende Institution mit ausgesprochen kompetenten Sozialarbeiterinnen den Hintergrund abgibt.

Lucie Laruelle © Xenix

Zudem ist der Aufwand, den sich die verdienten, vielfältigen Autorenfilmer  (und profilierten Produzenten) unterdessen leisten können, um einiges grösser als in ihren Anfängen. So haben sich offenbar über dreihundert junge Frauen für die Rollen der jungen Mütter beworben, und von denen haben sie 150 zum Casting eingeladen.

Es war immer eine der grossen Stärken von Jean-Pierre und Luc Dardenne, dass sie unbekannte junge Talente entdeckten, denen man die Biografien, deren Auswirkungen sie auf der Leinwand repräsentierten, instinktiv und widerstandslos glaubte. So, dass etliche von ihnen, wie eben auch Jérémie Renier, danach immer wieder zu sehen waren und sind.

Wie weit das auf die 34 belgischen Bébés zutrifft, die im Abspann namentlich als Figuranten für die vier Filmbabies verdankt werden, das wird erst die weitere Zukunft weisen. Im Film sind sie allesamt absolut überzeugend und rührend. Wie auch ihre Filmmütter.

Im Kino ab 15. Januar 2026
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