EUREKA von Lisandro Alonso

Murphy (Viggo Mortensen) © Sister Distribution

Wenn Sie sich schon immer einmal einen schamanischen Western gewünscht haben, dann hat der Argentinier Lisandro Alonso jetzt Ihren Wunsch erfüllt. Und falls nicht, dann wird Ihnen spätestens im Kino mit Eureka klar, dass Ihnen dieser Wunsch bisher bloss nicht bewusst war.

Eureka kitzelt zuerst unsere Western-Erinnerungen mit einem schwarzweissen Segment im klassischen 4:3 Akademieformat, das etliche der archetypischen Klischees einer Art Rebirthing unterzieht.

Viggo Mortensen kommt in die physisch und moralisch versaute Frontier-Stadt, in der sich alle betrinken und viele prostituieren, insbesondere die Native Americans, unter dem wachsamen Auge von Maya El Coronel (Chiara Mastroianni). Er schiesst sich den Weg frei zu Randall (Rafi Pitts), um seine Tochter aus dessen Fängen zu befreien. Bloss um – zu spät – festzustellen, dass diese das Leben mit Randall aus freien Stücken gewählt hat.

Alaina (Alaina Clifford) © Sister Distribution

Dann öffnet sich die Leinwand zum gewohnten 16:9-Breitbild in Farbe, das Western-Segment entpuppt sich als Fernsehausstrahlung in der Küche von Alaina (Alaina Clifford) und Sadie (Sadie LaPointe). Alaina ist Patrol-Officer der Reservationspolizei der Oglala-Sioux-Nation und wird sich den Rest dieses Filmsegmentes mit ihrem Patrouillenfahrzeug von einer kleinen lokalen Krise zur nächsten durchkämpfen. Sie sucht ein verschwundenes Mädchen, nimmt eine schwangere Frau in Gewahrsam, die mit dem Messer auf ihre Mitbewohnerin losgegangen ist, holt einen betrunkenen Fahrer aus seinem Auto und hilft einer französischen Schauspielerin (Chiara Mastroianni), deren Chevrolet auf dem Highway liegen geblieben ist.

Sadie (Sadie LaPointe) © Sister Distribution

Am Ende dieses Segmentes fliegt ein Vogel, der zunächst wie ein Pelikan aussieht, sich aber schliesslich als Jabiru entpuppt, vom Crazy Horse Memorial in den südamerikanischen Dschungel zu einer Gruppe Indios, die sich gerade ihre Träume erzählen. Und da schliesst sich dann der Bogen zum Anfangswestern, als einer der jungen Männer einen anderen ersticht, aus Eifersucht, weil sie beide von Lili, der einzigen jungen Frau in der Gruppe, geträumt haben. Nun flüchtet der Mörder zu den von den Gringos ausgebeuteten Desperados, den Goldwäschern. Dieses farbige Segment sieht aus, als ob es auf Super 16 gedreht worden wäre und weist darum auch wieder die runden Ecken des Einstiegswestern auf.

Auf der Filmschule habe er als seinen Lieblingsfilm stets Clint Eastwoods Unforgiven genannt, sagt Alonso:

Tief in mir drin habe ich immer gespürt, dass man als Filmemacher Western macht, das US-Genre schlechthin. Wenn ich Western mache, kann ich so tun, als wäre ich John Ford oder Clint Eastwood. Die Indigenen waren für mich sehr wichtig, als ich Film studierte. Heute sind sie völlig von der Leinwand verschwunden. Es ist sehr selten, dass sie in Filmen zu sehen sind. Mit diesem Film möchte ich also unter anderem untersuchen, wie die Filmkultur uns ein bestimmtes Bild von den Menschen vermittelt hat, die von den First Nations abstammen, und sie dann völlig übersehen hat.

Adanilo © Sister Distribution

Tatsächlich öffnet sich Eureka nach dem archetypisch (und satirisch) überhöhten Hyperwestern des Einstiegs in die Gegenwart der Indigenen in den USA und in Südamerika. Während die First Nations in ihren mehr oder weniger autonomen Reservaten, mit ihren Casinos, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit (und der medialen Ausschlachtung dieser Klischees) kämpfen, braucht es bei den indigenen Südamerikanern im dritten Teil von Eureka den menschlichen Sündenfall, um die Vertreibung aus dem fragilen Paradies einzuleiten.

Lili (Liliana Alavez) und der verliebte Junge © Sister Distribution

Lisandro Alonso spielt in seinem Eureka also mit Mythen und Erzählformen, mit Klischees und Realitäten. Er lässt sich Zeit dafür und dehnt den schon im Einstiegssegment gemächlichen Rhythmus in den zwei Gegenwartssträngen zu grandiosem Slow Cinema, aus dem gerade darum die aufgeladenen erzählerischen Versatzstücke wie Autos, Messer, Waffen, Gefängnis, Gewalt, Begehren oder Trunkenheit hervorleuchten, eben so wie die paar unglaublich fürsorglichen menschlichen Momente der Überwindung des Schicksals.

Was Kelly Reichardt mit First Cow für den Pionierwestern geleistet hat, gelingt Lisandro Alonso mit seinem schamanischen Impetus für den gewaltzentrierten Spät- und Neo-Western: Die Rückführung in die menschliche Erfahrung.

Eureka haben Sie sich schon immer gewünscht, wenn nicht im wachen Alltag, dann zumindest in Ihren tief verborgenen Träumen.

Im Kino ab 15. Januar 2025
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