
Edwin Beelers letzter grosser Kinodokumentarfilm war Hexenkinder von 2020. Daran erinnern die ersten Sätze und Bilder im neuen Film des Innerschweizers: «Im Haus des Kaminfegers wohnten drei Brüder. Es hiess, sie hätten schwarze Magie betrieben». Dazu zoomt die Kamera auf die eindrückliche Sepia-Fotografie dreier Männer beim Jassen mit Most. Sie sehen sehr harmlos aus, sehr schweizerisch, wäre da nicht der direkte Blick des mittleren Mannes. Mit weissem Rauschebart und Deckelpfeife scheint er dem Betrachter direkt in die Seele zu blicken.
Um so einen Blick in die Seele geht es Edwin Beeler. Der heute 68jährige spürt mit seinem neuen Dokumentarfilm dem Leben und Sterben seines Grossvaters nach. Der war Kaminfeger in Oberägeri im Kanton Zug.
Respektsperson, Handwerker, Aktivdienstler, Fasnächtler und seinen Kindern ein strenger Vater. «Grossvater wollte die Zukunft seiner Töchter bestimmen», erinnert sich Beeler (mit der Stimme von Hanspeter Müller Drossaart) im Film. Seinen Enkel habe er dann machen lassen, den habe er nicht erziehen müssen.

Der Mann auf dem Kirchturm, das ist dieser Grossvater, den der Enkel in liebevoller Erinnerung hat, als Verkörperung all dessen, was einen starken Mann ausmacht. Im Film erzählt Anna Beeler-Nussbaumer, die Mutter des Filmemachers:
«Er hat sich mit allen Leuten gut verstanden. Am Neujahrstag kamen die Leute, um Glück zu wünschen. Sie wussten, Vater würde ihnen eine Zigarre anbieten. Sie erhielten etwas zu essen und zu trinken. Die Leute wussten genau, wer sie verköstigen würde. Vater war Kaminfeger und Dachdecker. Er war beliebt, hatte immer Arbeit, war ein guter Arbeiter und Handwerker.»

Für ihren Enkel verkörperten die Grosseltern und das Dorf die Geborgenheit.
«Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, erscheint sie mir wie ein Traum aus ferner Vergangenheit. In Gedanken reise ich zurück an Orte, die kaum Kummer kannten. Dort war ich ganz bei mir, dort fühlte ich mich frei, war unbeschwert im Hier und Jetzt.»
«Das Dorf meiner Grosseltern war für mich ein Stück heile Welt. Ich war ihr erstes Enkelkind. Bei ihnen war ich gern.»
Dass diese Welt doch nicht ganz so heil war, das erzählt Edwin Beeler gemächlich, sorgfältig, mit anthropologischer Hartnäckigkeit und mit spürbarer Wehmut – was vielleicht eine gewisse inszenatorische Betulichkeit zu Beginn des Films erklärt. Denn Beeler lässt sein kindliches Alter Ego in Spielszenen wieder aufleben, mit Holzschiffchen am See, einem Spielzeugakrobaten am Stubentisch, oder im Estrich des «Steinhaufen» genannten Hauses beim Betrachten alter Fotografien längst verstorbener Verwandter.

Vielleicht helfen diese nachinszenierten Erinnerungen dem Erzählfluss des Films, in den Beeler auch ominöse Andeutungen einstreut, die auf das traurige Ende des geliebten Grossvaters verweisen.
Aber eigentlich könnte sich der Filmemacher auf seine grandiose Recherche- und Archivarbeit verlassen. Denn was Beeler zusammenträgt über das Familien- und Dorfleben in diesem Oberägeri im 19. und 20. Jahrhundert, das spricht wohl jeden und jede an, welche ihre Kindheit und Jugend in dieser Schweiz im gleichen Zeitraum verbracht haben.
Wenn die ehemaligen Gemeindefunktionäre Edi Iten alias «Bruhst Edi» oder Alois Rogenmoser alias «Zwüschenbäch Wysel» vom Leben im Dorf zu Zeiten des allseits respektierten «Chämi» erzählen, und von den Veränderungen seither, dann wird das so plastisch wie die Erinnerungen von Beelers Mutter, seiner Tanten und Onkel.

Der Kern, oder eben die Seele des Films, schält sich allmählich heraus, wenn wir mit Edwin Beeler zusammen feststellen, was sich parallel zu den äusseren Veränderungen im Dorf und in der Gesellschaft in den Menschen verändert hat. Wenn die hilflosen Versuche, den Altersfreitod des so stolzen wie respektierten Mannes zu begreifen, spürbar machen, dass sich von Generation zu Generation auch soziale und psychische Bedingungen verändert haben, dass die im Rückblick äusserlich so heile Welt für viele, nicht zuletzt die aufrechten Männer, bisweilen ein einsamer Kerker gewesen sein muss.
Edwin Beeler war 15 Jahre alt, als sein Grossvater kurz nach seinem 65. Geburtstag von einem Dach stürzte und sich so verletzte, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Fünfzehn Jahre später, am 31. Geburtstag des Enkels, hat der Grossvater seinem Leben ein Ende gesetzt.

«Das Wort Depressionen hat man damals ja nie gehört», erinnert sich Beelers Mutter: «Aber er hatte wohl doch mehr davon, als wir dachten…»
Er könne sich nicht erinnern, dass der Grossvater je über sich und seine Gefühle gesprochen hätte, erinnert sich Beeler.
Und seine Mutter verweist auf ihre eigene Kindheit: Ihre eigene Mutter habe ihre Töchter sicher gern gehabt, das aber nie zeigen können: «Das hats nicht gegeben, Mutti hat uns nie in den Arm genommen; über Gefühle wurde nicht gesprochen».
Edwin Beeler nutzt für Der Mann auf dem Kirchturm eine breite Palette repräsentativer Möglichkeiten. Fotografien und Archivmaterial, Animationen, Zeichentrick, direkte Erzählung von Zeitgenossinnen, Dorfbewohnern und Verwandten. Und wenn das auf einen zu Beginn des Films über die inszenierten Kindheitsszenen vielleicht ein Spur zu persönlich, betulich und sentimental wirkt, dann schämt man sich am Ende fast für die versuchte Distanzierung. Denn darum geht es ja im Kern des Films: Um den versuchten und manchmal doch unmöglichen Blick in die Seele der Menschen, die man zu kennen glaubt.
Dass die historischen, soziologischen und anthropologischen Methoden des Dokumentarfilms, mithin der Blick in die Geschichte der Deutschschweizer Gesellschaft im letzten Jahrhundert, dann doch tiefere Einblicke in die Gefühlswelt ermöglichen, das ist die schönste Überraschung von Der Mann auf dem Kirchturm.
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