
Babies nähmen alle Umweltimpulse und Sinneseindrücke gleichzeitig wahr und würden sie auch so verarbeiten. Sie seien im Prinzip dauernd high, erklärt der von Tony Leung Chiu-Wai gespielte Neurowissenschaftler bald nach Beginn des neuen Films der ungarischen Leinwandpoetin Ildikó Enyedi. Sehr zum Vergnügen seiner Studentinnen und Studenten an der Universität Marburg. Ein erwachsenes Gehirn müsste psychoaktiv stimuliert werden, etwa mit LSD, um von der antrainierten Monofokussierung wegzukommen.
Mit Stille Freundin (der Film ist eine deutsch-französisch-ungarische Koproduktion und wurde zum grössten Teil auf Deutsch in Deutschland gedreht) nimmt Ildikó Enyedi ihr Publikum behutsam mit auf so einen unwiderstehlichen Trip der aufgefächerten Perspektiven, in ein staunendes, lachendes, fröhlich-trotziges Baby-High.
Die Stille Freundin des Titels, ein prächtiger, riesiger Ginkgo-Baum im botanischen Garten von Marburg, ist das verbindende Element sich ergänzender Geschichten aus drei Jahrhunderten. «Ginkgo Biloba, 1832» steht auf dem Schildchen am Stamm des Baumes.
In unserer eben vergangenen Gegenwart, im Covid-Auftaktjahr 2020, strandet der schon erwähnte Gastdozent Tony im Gästehaus der Marburger Universität. Zwangsläufig freundet er sich mit dem Baum vor seinem Fenster an und beginnt, dessen Kommunikationsmöglichkeiten wissenschaftlich zu erforschen, misstrauisch beäugt und zeitweilig gar sabotiert vom brav maskentragenden Hausmeister (Sylvester Groth) der Institution.

Im Jahr 1908 kocht unsere Zuschauerseele zusammen mit der wachsenden Wut der jungen Grete (Luna Wedler), die sich um einen Studienplatz an der naturwissenschaftlichen Fakultät in Marburg bewirbt und von den hochwohlgeborenen Herren Professoren, die um keinen Preis eine Frau in ihren hehren Hallen dulden wollen, beim mündlichen Eintrittsexamen in grotesk sexistischer Weise kreuzverhört wird.

Und schliesslich im Jahr 1972, in dem der junge Hannes (Enzo Brumm) vom Land an die Universität kommt und sich schwer tut mit seinen postachtundsechzig hippiemässig revolutionär-slackenden Kommilitonen. Auch wenn ihn die freizügig emanzipiert selbstbewusste Gundula (Marlene Burow) mit ihren botanischen Experimenten ziemlich in ihren Bann schlägt. Schliesslich freundet er sich während Gundulas Sommerurlaubsabwesenheit mit ihrer Versuchsgeranie an, deren Reaktionen auf das tägliche Aushilfsgiessen er getreulich misst und aufzeichnet.

Im Garten hinter dem Haus steht derweil stets die Gingko-Dame, majestätisch, undurchschaubar und einsam, bis die Französische Botanikerin Alice Sauvage (Léa Seydoux) dem eben so einsamen Neurowissenschaftler Tony in Marburg eine Packung Gingko-Sperma schickt, zur Beschleunigung und Belebung seiner bäumigen Kommunikationsversuche.

Ildikó Enyedi hat mit ihren meist wunderbaren vorangegangen Filmen wie On Body and Soul oder The Story of my Wife (auch schon mit Léa Seydoux und mit Luna Wedler) bisweilen den Hang zu fürsorglicher Schwere gezeigt, eine liebevolle Ernsthaftigkeit, die sich wie eine Gewichtsdecke auf müden Gliedern wohltuend und lähmend zugleich ausnehmen konnte.

Mit Silent Friend türmt sie bisweilen fast schon ironisch die Gravitas ins Bild, etwa bei der infamen Verhörszene mit Grete, aber bloss, um dann die Schwere mit einem fröhlichen Windstoss wie einen Laubhaufen gleich wieder zu verblasen. Im genannten Fall des mündlichen Aufnahme-Examens mit dem Auftauchen des professoralen Assistenten, welcher Grete nicht nur die Nachricht überbringt, dass sie als einzige der Kandidatinnen bestanden habe, sondern auch die spöttisch-souveräne Aufklärung zu den antiquierten Methoden und Neurosen der professoralen Borstigkeit.
Zwischen die erzählenden, sich ergänzenden und kreuzverweisenden Episoden flicht die Filmemacherin hinreissende Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenwachstum und -Veränderung ein, die mit ihrer irritierend organischen Schönheit zwischen Georgia O’Keeffes Blumenbildern und HR Gigers Biomechanoiden oszillieren.
Gleichzeitig flicht sie witzige Aperçus in die Interaktionsszenen zwischen Menschen und Pflanzen, manchmal fast schon kalauerartig offensichtlich, etwa wenn Hannes Gundulas Geranie dazu bringt, ihm das Gartentor zu öffnen, dann wieder subtil, wenn neben der niedergeschlagenen Grete ein wortwörtlich unaufhaltsames Mauerblümchen aus einer Hauswand hervorbricht.

Enyedi stützt sich für ihren Film unter anderem auf die Arbeiten des Neurowissenschaftlers Anil Seth, der seinerseits betont: «Wir halluzinieren die ganze Zeit; wenn wir einig sind, was unsere Wahrnehmung betrifft, nennen wir sie ‘Realität’.»
Indem sie unter anderem zeigt, wie sich unsere Realitäten von Generation zu Generation verschieben, wie sich Wahrnehmung und Ideen entwickeln und wie viel unerschlossenes Potential in der genaueren Betrachtung der Welt um uns herum versteckt ist, macht Ildikó Enyedi Silent Friend zu einem optimistischen Freudenfest der Bewusstseinserweiterung, zu einem fröhlichen Babyhigh für alle.
Im Kino ab 22. Januar 2026
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