THE NARRATIVE von Martin Schilt & Bernard Weber

Kweku Mawuli Adoboli © moviebizfilm

Im September 2011 trat Oswald Grübel als CEO der UBS zurück (und machte Platz für Sergio Ermotti), nachdem der Bank der Skandal um ihre riesigen Verluste im Londoner Investmentbanking um die Ohren geflogen war. Aber es war ein anderer Name, der in den Medien zum Synonym des «Rogue Trader», zum skrupellosen Systemspekulanten gemacht wurde: Kweku Adoboli, ein freundlicher, wohlerzogener Ghanaer, der seine Schul- und Studienzeit in England absolviert hatte und mit 21 Jahren zur UBS gestossen war.

Adoboli wurde der Prozess gemacht, er wurde verurteilt, kam ins Gefängnis und wurde 2018 nach Ghana abgeschoben – obwohl sich im UK über 50’000 Menschen, die ihn eher als Whistleblower und Bauernopfer sahen, über eine Petition für ihn eingesetzt hatten.

Ein skrupelloser Einzeltäter hat das System ausgehebelt, der Bank war höchstens die Verletzung der Aufsichtspflicht vorzuwerfen. Das war die offizielle Story, The Narrative, welches der Dokumentarfilm von Martin Schilt und Bernard Weber einer detaillierten Überprüfung unterzieht.

Die Filmemacher brauchen nur wenige Minuten, um klarzumachen, dass sie «Team Adoboli» sind (auch wenn sie dies als seriöse Dokumentarfilmer wahrscheinlich nicht bestätigen würden) und nicht viel länger, um auch das Publikum zu überzeugen. Das liegt daran, dass die Öffentlichkeit einerseits schon damals nicht überzeugt war von der beteuerten Unschuld der Bank und in den 15 Jahren seither wenig Grund bekommen hat, die Zweifel auszuräumen.

Vor allem aber funktioniert die Perspektivenverschiebung, weil Kweku Adoboli gar nie bestritten hat, die immensen Spekulationsverluste mitverschuldet zu haben. Sein grösster Fehler, so rekapituliert der Film sehr schnell, war es vielmehr, dass er für sein Team gegenüber der Bank die Verantwortung übernommen hat und in einer internen E-Mail vor den Verlusten warnte. Schliesslich war es ihm nie um persönliche Bereicherung gegangen, er hatte kein Geld für sich abgezweigt, sondern, wie alle anderen auch, Tag für Tag Verlust- und Gewinnschwankungen buchhalterisch ausgeglichen – bis die Gewinne ausblieben.

Gerichtssketch von der Hauptverhandlung gegen Kweku Adoboli © moviebizfilm

Er ging davon aus, dass er wohl seine Stelle verlieren würde. Aber nicht, dass er am Ende von der Bank als Einzeltäter gebrandmarkt und an die Polizei übergeben werden würde. Er brauchte auch eine ganze Weile, um zu erkennen, dass die Anwälte, welche ihm die Bank sofort zur Seite stellten, nicht den Auftrag hatten, seine Haut zu retten. Sondern die der Bank.

Das alles erzählt der Film nicht nur, er belegt es auch, und wirft unzählige Schlaglichter auf den Prozess und die Umstände, bis hin zu einer Nachstellung der finalen Gerichtsverhandlung anhand der Protokolle mit Figuranten aus dem grossen Freundeskreis von Kweku Adoboli in Ghana, wo er heute lebt.

Das ist, dank der Einsichten in die Mechanismen des Bankings und der Justiz, instruktiv und spannend und erinnert bisweilen an die akribische Aufarbeitung des Falles der Credit Suisse in Simon Helblings Serie (und Kinofilm) Game Over vom letzten Jahr, zumal es da naturgemäss einige inhaltliche Überschneidungen und Berührungspunkte gibt.

HM Prison Wandsworth, London, United Kingdom © moviebizfilm

Aber The Narrativ geht weit über die journalistische Aufarbeitung hinaus und erzählt über die Figur von Kweku Adoboli eine weitere Geschichte, eine kritisch-narrative Einordnung die tief in die rassistischen und post-kolonialen Strukturen unserer Welt eindringt.

Kweku Mawuli Adoboli wächst dem Kinopublikum so schnell ans Herz wie seinen zahlreichen langjährigen Freunden und Freundinnen in England. Der junge Ghanaer, der mit elf ins Internat in Yorkshire kommt ist als einziger Schwarzer unter lauter weissen Kids darauf angewiesen, sich beliebt zu machen.

Smoothie-Manufaktur in Ghana: Kweku Mawuli Adoboli © moviebizfilm

«Seeking white approval is quite corrosive», erklärt die ehemalige Guardian-Journalistin Afua Hirsch im Film, um die Anerkennung der Weissen zu buhlen sei auf lange Sicht selbstzerstörerisch, weil die Überanpassung blind mache für vieles. Die langjährige Westafrika-Korrespondentin hat deutsche, jüdische und ghanaische Wurzeln und trifft mit ihrer Einschätzung auch die Selbstanalyse von Kweku Adoboli. Der erinnert sich daran, dass er viel zu spät gelernt habe, dass man auch «Nein» sagen könne, dass seine Hilfsbereitschaft ihm unter den Kolleginnen und Kollegen in der Bank den Übernamen «Care-Bear» eingetragen habe und schliesslich, dass er am Ende für genau jene Charaktereigenschaften verurteilt worden sei, die ihn zunächst zu einem Jungstar der Trader-Abteilung gemacht hatte:

«In many ways I was convicted for exactly the same character traits that put me on a pedestal in the bank…»

Rückblickend leuchten die Argumente und Recherchen von The Narrative so sehr ein, dass man sich beschämt fragen muss, warum damals sämtliche Medien – im Film gibt es ein paar schlagende Montagen aus Nachrichtensendungen aus aller Welt, auch von SRF – die Geschichte vom skrupellosen «rogue trader», vom gewissenlosen, geldgierigen jungen Afrikaner, der die serösen Sicherheitsmechanismen der altehrwürdigen weissen Bank unterlaufen habe, so unwidersprochen weiterverbreitet haben.

«Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?» war ein Spiel, das wir in meiner Kindheit fast täglich im Schulhof spielten. Es hat eindeutig nachgewirkt.

Eröffnungsfilm der 61. Solothurner Filmtage
zu sehen am 23. und 25. Januar 2026
Im Kino ab 12. März 2026


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