
Schweizer Jura, 1943. Emma leidet unter der Schande, dass ihr Vater ihre Mutter nach einem Seitensprung aus dem Haus verbannt hat. Sie kümmert sich um die zwei kleinen Schwestern und arbeitet nebenbei im Pfarrhaus. Sie hat sich zögernd um den «Tugendpreis» der Kirchgemeinde beworben, um mit dem Geld in Genf eine Krankenschwesterlehre zu machen.
Dann wird sie bei einem Picknick-Ausflug von einem Genfer Freund der Pfarrersfamilie vergewaltigt. Sie ist so überrascht, dass sie sich nicht wehrt, und niemand von den anderen bemerkt etwas.

Die Ausgangslage dieses Films scheint bekannt. Was Marie-Elsa Sgualdo und ihre erstaunliche Emma-Darstellerin Lila Gueneau allerdings daraus machen, das ist mit jedem Schnitt und jedem Szenenwechsel und jeder erzählerischen Aufdeckung überraschend.
Dies, weil sich Emma allen Rückschlägen zum Trotz nicht brechen lässt. À bras-le-corps, die «Umarmung» des französischen Originalfilmtitels, umschreibt bildlich eine Form der unverbrüchlichen Entschiedenheit. Emma kämpft, Emma emanzipiert sich, auch wenn der Preis dafür im Schweizer Jura in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges absehbar hoch ist.

Eine unverheiratete junge Frau wird ungewollt schwanger und zur vermasselten Lebensplanung gesellt die gesellschaftliche Schande. Unzählige Filme haben dieses Drama in Varianten aufgenommen und durchgespielt, meist angesiedelt in früheren «vor-emanzipatorischen» Epochen, in kleinen, meist dörflich und oft kirchlich geprägten Gemeinschaften. Etwa auch im Schweizer Klassiker Bäckerei Zürrer von 1957, in dem die aussereheliche Schwangerschaft der jungen Frau nicht nur ihr, sondern auch dem Kindsvater und vor allem dessen Vater quer zu allen Wünschen steht.
Aber in jüngerer Zeit wird das Thema der weiblichen Selbstbestimmtheit aufgrund des konservativ-evangelischen Backlashes von Regisseurinnen wieder aufgenommen und gespiegelt.
Da sind etwa Katalin Gödrös’ Verfilmung von Jakobs Ross mit Luna Wedler von 2024, Carmen Jaquiers eindringlicher Foudre von 2023, der die Sexualität einer jungen Frau trotzig einer geschlossenen Gesellschaft gegenüber stellt, oder Audrey Diwans L’événement nach Annie Ernaux, von 2021, der daran erinnert, welchem Horror Frauen ausgesetzt sind in einer Gesellschaft, die meint, über ihre körperliche Autonomie verfügen zu können.
Für Marie-Elsa Sgualdo ist ihr Film auch eine Herzensangelegenheit:
«À bras-le-corps ist ein Liebesbrief an die Frauen meiner Familie – und an unzählige andere –, die unsichtbare Kämpfe um Selbstbestimmung geführt haben. Emmas Geschichte ist keine triumphale, sondern eine über den Preis, den man für eigene Entscheidungen zahlt.»

Mitreissend, erschütternd und manchmal aufpeitschend ist nicht nur die Geschichte von Emma (und, darin gespiegelt, jene ihrer Mutter), sondern auch die Art, wie Sgualdo erzählt. Einerseits erzählt sie unendlich viel fast beiläufig mit, die Geschichte der über die Grenze nach Frankreich in den sicheren Tod zurückgeschickten jüdischen Flüchtlinge, die langsame Selbstaufgabe des feinfühligen und wohlmeinenden Pfarrers des Dorfes, die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Umbrüche.
Andererseits verfolgt das Drehbuch eine geschickte Strategie der verzögerten Erklärungen. Die Fragen, welche die Geschichte aufwirft, etwa danach, warum Emmas Mutter aus dem Dorf in die Stadt Genf hat flüchten müssen, oder ob Paul, der verliebte Nachbarssohn, der sich bereit erklärt, Emma «trotz allem» zu heiraten mit den Umständen wird umgehen können, diese Fragen werden verzögert, dafür aber klar und minimalistisch mit wenigen Schnitten fast beiläufig beantwortet.
Oft bestätigt eine Szene quasi «en passant», was ich als Zuschauer schon eine Weile vermutet habe. Und manchmal entpuppt sich die Bestätigung als positive Überraschung innerhalb der Befürchtungen, welche die Konstellationen durchaus schüren.

Wie so eine Überraschung funktionieren kann, zeigt die letzte Einstellung des Films, mit dem Gesicht der wunderbaren, grossartigen Emma-Darstellerin Lila Gueneau in Grossaufnahme: Von der charmanten kleinen Lücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen wussten wir bis zu diesem Bild nichts. Weil Emma den ganzen Film über nie einen Grund zum Lachen hatte.
Silent Rebellion, so der internationale Titel von À bras-le-corps, ist packend, überzeugend und mitreissend. Und, seiner historischen Einbettung zum Trotz, sehr gegenwärtig.
61. Solothurner Filmtage: 23./ 25. Januar 2026
Kinostart: 29. Januar 2026 – Spielorte und -Zeiten
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