NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter

Autor Martin Walder (mit Journalistenkollegin Ewa Hess und Matthias Lerf) an den Solothurner Filmtagen 2007; Foto © sennhauser

Am zwölften Februar 2025 ist Richard Dindo gestorben. Da war Martin Walder schon längst an der Arbeit, sein Buch über den Schweizer Dokumentarfilmer war nicht als Nachruf geplant. Morgen (Dienstag, 27. Januar 2026), also nicht ganz ein Jahr später, stellt Walder den Band im Rahmen einer Dindo-Hommage an den 61. Solothurner Filmtagen vor.

Einen «Streifzug durch seine Filme» nennt Martin Walder seinen knapp 150 Seiten starken Dindo-Band, und das löst er auf durchaus ein- und mitnehmende Art auch ein. Aber das Buch ist dann doch auch viel mehr. Denn Walder hat nicht nur einen guten Teil der noch immer erstaunlich spärlichen Sekundärliteratur zu Richard Dindos Werk auf- und eingearbeitet, er leistet auch selbst und sehr persönlich die Erinnerungsarbeit, deren Mechanik und Grundlagen er anhand von Dindos Œuvre zu systematisieren versucht.

In 23 dichten, oft amüsanten und immer sehr anregenden Kapiteln klopft er die Filme, die Biografie und die Idiosynkrasien des sperrigen, immer fruchtbar konträren und auf seine ganz eigene Weise stets anwaltschaftlichen Filmemachers auf Methodik, Thematik, Konsistenz und auch Widersprüche ab.

Einen von diesen Widersprüchen, den überraschendsten, beleuchtet Walder in Kapitel 6, überschrieben mit «Am Anfang war das Wort»:

In einem seiner Gedichte, sagt Richard Dindo einmal, habe der französische Dichter-Philosoph Edmond Jabès die Frage gestellt: «Par où commence le monde? Par l’image ou par la parole?» Steht das Bild oder das Wort am Anfang der Welt? Für ihn als Filmemacher dürfte es da ja eigentlich keine Zweifel geben: «C’est l’image et encore l’image, toujours l’image.» Aber Dindo hat diese Hierarchie nie akzeptiert, im Gegenteil. Man darf sich die Augen reiben: Am Anfang steht für ihn das Wort. Und er, der bekennende Proustianer, behauptet kühn: «Mit der Sprache kann man mehr ausdrücken, meiner Meinung nach, als mit Bildern.» (Seite 25)

Der vordergründigen Irritation über diese für einen Filmemacher doch eher überraschende Aussage geht Walder nun systematisch nach, über Dindos Biografie, seine autodidaktische Aneignung der (Denk-) Kulturen über unersättliche Lektüre, aber auch über den «Zeitgeist» und das soziale und politische Umfeld der «neuen» Dokumentarfilmer der 1960er und 70er Jahre.

Von Dindos Purismus in dieser Hinsicht zeugt übrigens auch seine eigene, nach langem Zögern erst angelegte Website, welche entgegen allen SEO-Gepflogenheiten zum Einstieg reinen Text und nichts als Text präsentiert.

Kapitel für Kapitel trägt Walder die Grundlagen für das Verständnis von Richard Dindos Gesamtwerk zusammen und baut dabei die Beschreibungen der einzelnen Filme so anschaulich mit ein, dass man unwillkürlich (und manchmal, ich gebe es zu, unerwartet) Lust bekommt, sie sich alle wieder anzutun.

Insbesondere die radikal romantisch-revolutionäre Haltung Dindos, mit der dieser Zeitlebens angeeckt ist, gegen alle Stachel lökend, unbeirrbar bis stur, taucht Walder in ein überraschendes, unerwartetes Licht.

Im 7. Kapitel «Von Zeuginnen und Zeugen: Nur kein Palaver!» zitiert er ihn einmal mehr in dieser unnachahmlichen Wider-Sprüchlichkeit, wenn es darum geht, zu ergründen, wie Dindo zur typischen, ungefilterten, direkten Zeugenschaft seiner vor der Kamera redenden Gewährsleute gekommen sein mag:

Dindos persönliche Prämisse klingt dabei so einfach, wie sie heikel ist: Er nimmt die individuelle Wahrheit seiner Protagonisten hundertprozentig für sich an und erklärt dezidiert: «Alles, was die Leute in meinen Filmen sagen, Wort für Wort, denke ich selber auch. Nur sagen sie es besser als ich.» Diese merkwürdige Volte von scheinbar bedingungsloser Identifikation scheint erklärungsbedürftig. Im Nachsatz klärt es sich etwas: «Hinter jedem Wort, das in meinen Filmen gesagt wird, kann ich stehen. […] Mein moralisches Prinzip, und das ist auch ein politisches: Die Leute, die ich filme, müssen mit meinem Film einverstanden sein. […] Das ist der moralische Vertrag, den ich mit allen meinen Figuren gehabt habe.» (Seite 30)

Martin Walders Dindo-Buch, mit seinem wissenschaftlich akribisch zitierten Apparat aus zeitgenössischer, subjektiver und objektiver Betrachtung, in Kombination mit Walders sehr persönlichen – und von einer Bereitschaft auch sich selbst zu revidieren geprägten – Haltung ist anregend, reichhaltig und die zur Zeit wohl attraktivste Einführung zu jeder denkbaren Dindo-Retrospektive.

Martin Walder: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter. 
Ein Streifzug durch seine Filme.
Chronos Verlag, Zürich, 2026

Buchvorstellung mit Martin Walder an den
Solothurner Filmtagen am 27. Januar 2026, 10 Uhr


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