HIVER À SOKCHO von Koya Kamura

Roschdy Zem, Bella Kim © frenetic

Soo-Ha (Bella Kim) lebt in der südkoreanischen Stadt Sokcho, am japanischen Meer, unweit der Grenze zu Nordkorea. Die Bekannten im Quartier nennen sie freundlich «Bohnenstange» oder «Miss France». Die junge Frau ist nicht nur etwas grösser als die meisten ihrer Landsleute, sie hat auch sonst leicht andere Züge. Denn ihr Vater, den sie nie getroffen hat, war ein französischer Fischerei-Ingenieur, der nach Europa zurückfuhr, ohne von der Schwangerschaft von Soo-Has Mutter zu wissen. So hat es ihr die Mutter, Fischhändlerin am Hafen, erzählt. Für Soo-Ha war das Anlass genug, um in Seoul französische Literatur zu studieren.

An einem Wintertag fragt ein verschlossener Franzose (Roschdy Zem) nach einem Zimmer in der kleinen Pension, in der Soo-Ha seit ihrer Rückkehr nach Sokcho arbeitet. Der freundliche alte Pensionsbetreiber ruft sie aus der Küche, weil sie doch Französisch könne. Der Fremde, so findet Soo-Ha heraus, ist Yan Kerrand, in Frankreich ein bekannter und erfolgreicher Grafiker und Autor.

Hiver à Sokcho ist ein ungewöhnlicher – und vor allem ein ungewöhnlich schöner – Erstlingsfilm, weil Regisseur Koya Kamura, ein Franko-Japaner, die angedeuteten Wünsche und Konstellationen seiner Figuren eben so in der Schwebe lässt, wie der zugrundeliegende Roman der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin.

Bella Kim © frenetic

Soo-Ha hat sich selbst noch lange nicht gefunden. Auf die Heiratswünsche ihres Freundes, der eine Karriere als Model in Seoul anstrebt, reagiert sie zögerlich, zumal ihre Mutter sie auch dazu drängt. Kosmetische Operationen, in Südkorea alltägliche Praxis, sind beiläufig immer wieder Konversationsthema, Soo-Has Freund erwägt sie für sich und schlägt auch ihr ein paar Korrekturen vor, ebenso die Mutter.

Bella Kim, Mi-Hyeon Park © frenetic

In der Pension sitzt an einem der Tisch im Essraum eine Frau mit komplett bandagiertem Kopf, welche offenbar eben eine komplette Revision hinter sich gebracht hat. Im Verlauf des Filmes werden immerhin ihre Augen und schliesslich auch ihr Mund sichtbar.

Aber nichts wird allzu deutlich, auch Soo-Has Neugier auf – und Annäherung an – den bisweilen recht schroffen Franzosen schwebt nur als Möglichkeit in den schönen Winterbildern, wenn sie ihm, dem Fremden auf der Suche nach Inspiration, ihre Stadt zeigt, die demilitarisierte Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea, die zackigen Berggipfel der Umgebung.

Bella Kim © frenetic

Immer wieder sehen wir Soo-Has Augen, wenn sie sich selbst betrachtet, wenn sie den malenden Gast in seinem kleinen Zimmer heimlich durch ein Fensterchen unter der Decke beobachtet. Und dazwischen immer wieder traumhaft animierte gezeichnete Sequenzen, die Soo-Has gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper eben so erahnen lassen, wie die fürsorglichen Hinweise der Mutter, sie müsse mehr essen. Aber nicht zu viel.

Roschdy Zem, Bella Kim © frenetic

Die Kameraarbeit von Élodie Tahtane erinnert an den realistisch-poetischen Stil der Filme von Hirokazu Kore-Eda. Der Film ist aber auch indirekt verwandt mit Retour à Séoul von Davy Chou, einem weiteren der gerade in der einstigen Kolonialmacht Frankreich immer häufiger entstehenden kulturgrenzenüberschreitenden Filme. Zu denen zählt etwa auch die in Japan angesiedelte Vater-Tochter-Geschichte Une part manquante von Guillaume Senez.

Intimität und Nähe, Abgrenzung und Distanz, Zugehörigkeit und Verlorenheit, das alles baut Kamura mit ruhigen, oft sehr intimen und immer extrem zugewandten Szenen zu einem komplexen Sehnsuchtssystem, das funktioniert wie ein Gedicht, in aller Klarheit, aber ohne Eindeutigkeiten.

Bereits Lunchkino und Vorpremieren,
regulär im Kino ab 29. Januar 2026
Spielorte und – Zeiten


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