LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.

Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist.

© anderdog

Das ist zentral in diesem Dokumentarfilm. Stefan Jung vermittelt das Drama einer modernen, geistreichen und eigenständigen Frau über deren eigene Perspektive, über die Protokolle ihrer Selbsteinschätzung im Gespräch mit den Ärzten der psychiatrischen Klinik in Rom, in welcher sie die Familie ihres Mannes hatte versorgen wollen, als sie aus der Ehe ausbrach.

Lydia Welti-Escher (*10. Juli 1858 in Enge bei Zürich; † 12. Dezember 1891 in Champel bei Genf), reich, gebildet, eigenständig und willensstark, war als Frau gefangen in den Konventionen einer Zeit, in der die sichtbaren Umbrüche und Veränderungen vorerst ausschliesslich von Männern vorangetrieben wurden. 

Lydia Welti-Escher © anderdog

In der ziemlich umfangreichen Literatur zu ihrem Leben und Wirken wird sie aus vielen Perspektiven und fast immer in Funktion von ihren Abhängigkeiten dargestellt. Das bietet sich auch an, war doch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Pandämonium gesellschaftlicher Veränderungen und Lydias Biographie direkt oder indirekt verknüpft mit unzähligen prägenden Figuren der Zeit, angefangen mit ihrem Vater, über ihren Schwiegervater, mit und über den Lebemann, Edel-Bohèmien und Maler Karl Stauffer, bis zu dem von ihrem Vater und von ihr geförderten Gottfried Keller, der sich politisch dann auch wieder gegen das «System Escher» wandte und schliesslich – absurderweise – gar zum Namensgeber wurde der von Lydia als Vermächtnis gegründeten Kunststiftung.

Das Zürcher Drehbuchpaar Barbara Sommer und Plinio Bachmann machte das Schicksal von Lydia Welti-Escher letztes Jahr gar zum Prototyp für ihre Podcast-Reihe «Filmreif», in dem sie Zürcher Stoffe ausbreiteten, die eigentlich längst hätten verfilmt werden müssen. Weil sie so viel dramatisches und historisches Spielfilmpotential aufweisen.

Von Stefan Jungs lange vor Covid angedachtem und zur Zeit der Podcastproduktion schon kurz vor der Fertigstellung stehendem Dokumentar-Hybrid wussten Sommer und Bachmann nichts, ebenso wenig wie Jung von ihnen.

Wahrscheinlich wären sich die Drehbuchautoren und der Filmemacher auch gar nicht einig geworden. Denn dort, wo Bachmann und Sommer dramatisches Potential für einen grossen historischen Spielfilm orten, sucht Jung den vorsichtigen, dokumentarischen und vor allem unmittelbaren Zugang:

«Das Projekt basiert formal auf meiner Einschätzung, dass der einzige Weg, der Tragweite von Lydias Drama gerecht zu werden, ihre eigene Perspektive ist. Die konsequente Aufzeichnung der Gespräche, die unmittelbar Lydias Sicht der Dinge vermitteln, ermöglichen dies. Für mich fühlt sich das Protokoll so intim wie eine Tonaufzeichnung an. Es ist Lydias Stimme, es sind ihre Worte unverfälscht und authentisch. Das macht die Aufzeichnungen als historisches Zeugnis so wertvoll.

Von Bedeutung ist für mich vor allem Lydias Haltung. Sie stilisiert sich nie zum Opfer, sondern steht zu ihren Entscheidungen, auch wenn sie nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Sie hat ihre eigene Sicht der Dinge und verteidigt diese eloquent und geht dabei ihren eigenen Weg. Das macht Lydia zu einer modernen Figur. Sie benennt die Missstände, aber auch die Grenzen, die ihr auferlegt werden und gleichzeitig setzt sie sich über diese hinweg und besteht auf ihrer Individualität. Dieses Selbstbewusstsein und dieser Mut machen es aus, dass die Protagonistin berührt.»

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus ist ein feiner, radikal zugewandter und nachdenklicher Film. Die prächtigen, verwunschenen Bilder aus all den aufgelassenen Anstalten und Villen in Italien, mit der zurückhaltenden, würdevollen und stummen Präsenz des Geistes von Lydia erzeugt zusammen mit den von Judith Hofmann gesprochenen Aufzeichnungen der Erzählung von Lydia ein schwebendes, tragisches und überzeugendes Ganzes.

Caroline Arni, Historikerin © anderdog

Die eingeschobenen Einschätzungen und Einordnungen von Prof. Dr. Caroline Arni (Historikerin und Autorin), Dr. med. Bigna Rambert (Psychiaterin) und Prof. Dr. Joseph Jung (Historiker und Autor) ergänzen das unsentimentale Selbstportrait der Lydia Welti-Escher zum eindrücklichen Bild einer Frau, die in ihrem Selbstverständnis ihrer Zeit weit voraus und gleichzeitig in diese in aller Brutalität eingebunden war.

Im Kino ab 5. Februar 2026
Spielorte und -Zeiten


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.