
Im Jahr 1899 kommt die junge idealistische Aimée Lazare (Galatéa Bellugi) mitten im Winter in einen winzigen okzitanischen Weiler in den französischen Alpen, um dort die drei jüngsten Kinder als Institutrice zu unterrichten. Sie ist erfüllt vom republikanisch-aufklärerischen Geist und wild entschlossen, Wissenschaft, Rationalität, Hygiene und natürlich sauberes Französisch in diese okzitanisch sprechende Bergler-Gemeinschaft zu tragen.
Allerdings geht nicht nur die kleine Marianne-Büste, welche sie in ihrem improvisierten Schulzimmer-Kämmerchen aufstellt, im Verlauf des Films zu Bruch. Auch Aimées selbstgewählte und die ihr vom Dorf zugewiesene Rolle verschieben sich zunehmend.
Denn Aimée Lazare (die zwei Namen sind von Regisseurin Louise Hémon und ihren zwei Ko-Drehbuchautorinnen kaum zufällig gewählt) bringt nicht nur ihre Rationalität und ihre Schulbildung in die Berge, sie lernt auch zunehmend, die Mythen, Traditionen und das, was sie als Aberglaube erwartet hat, als Teil ihrer eigenen, unerwarteten Persönlichkeit zu erkennen. Und dazu gehören nicht nur ihre freie Sexualität, ihre Lust und ihre Selbstbestimmtheit, sondern auch der von der Gemeinschaft aufgefangene Umgang mit Unglück und Tod.
In dieser faszinierenden Vermischung von Rationalität und Aufklärung, Aberglaube, unterdrückter Erotik und Homoerotik wird die Lehrerin unwillkürlich auch zur Hexe, zur Verführerin – und zur überforderten Schülerin.

Das beginnt harmlos, indem Aimée ihre Schulkinder erst mal in den Waschzuber setzt und ihnen gründlich den Kopf wäscht. Was die Frauen des Dorfes entsetzt als grossen Fehler denunzieren, sei es doch die schorfige Kruste auf den Kinderschädeln, welche das Gehirn schützen würde. Die Hygiene-Hinweise und die Erzählung von Mikroben, mit denen die Lehrerin kontert, leuchten nicht wirklich ein.
Parallel dazu verschiebt sich Aimées Menschenbild mit der Erkenntnis, dass ihr «sauberes» Französisch, das sie auch von ihren Schülern verlangt der Andersartigkeit und Ausdrucksstärke des Okzitanischen nicht einfach überlegen zeigen kann. Nicht nur für die Kinder macht die Kuh hier nicht etwa «Muh», sondern «bruh-bruh».
L’engloutie, die Verschlungene, Versunkene, wird hier nicht nur vom Schnee und der archaischen Gemeinschaft verschluckt, sondern auch und vor allem von dem, was trotz Aufklärung und Rationalität an unkontrollierbarer Menschlichkeit in ihr steckt.

Louise Hémon und ihre Kamerafrau Marine Atlan arbeiten mit der Dunkelheit der Nächte und der Hütten im Kontrast zur verschneiten Helligkeit der Landschaft, mit einem Chiaroscuro, das bisweilen an Rembrandt-Bilder erinnert und zusammen mit dem verwunschenen, neo-folkigen, Morricone-referenzierten Score von Emile Sornin (Interview auf Spotify) die Atmosphäre mit Stimmung schwängert.
Das Setting im Dorf und die Gefahrenzonen rund um die Sexualität erinnern nicht von ungefähr an Foudre von Carmen Jaquier. Nicht nur die Kamera von Marine Atlan verbindet die beiden Filme, sondern auch die Bewegungen von unten nach oben, Tal zu Berg (und wieder zurück), Hell und Dunkel und die trotzige individuelle Selbstbestimmtheit gegenüber all den gemeinschaftlich tradierten Tabus.

Wo Foudre aber die Sexualität als autonome und befreiende (oder befreite) Macht zu einem Kern der individuellen Entwicklungsmöglichkeiten erklärt, pendelt L’engloutie faszinierend mehrdeutig zwischen einer kritischen Haltung gegenüber kolonialistisch-aufklärerischer Selbstgerechtigkeit, der unbestrittenen Kraft mythischer Folklore und (un)bekanntem Unbehagen.
Damit schliesst die vom Dokumentarfilm kommende Louise Hémon mit ihrem ersten Langspielfilm nicht nur sehr eigenständig bei Folk-Horror-Klassikern wie The Wicker Man von 1973 an, sondern auch bei all seinen Nachfolgern der letzten Jahre wie Midsommar und The Witch, und bei Kolleginnen wie eben Carmen Jaquier oder Léa Mysius (Ava, Les cinq diables).
Vor allem aber ist L’engloutie ein prächtiger, hypnotischer, einnehmender und im besten Sinne verhexender Film. Wenn Aimée im Frühling fast wie ein Geist ihrer selbst auf einem Maultier wieder ins Tal hinunter reitet, hat das Erlebte nicht nur sie verändert, sondern auch uns.
Im Kino ab 12. Februar 2026
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