PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri

Jolie (Laetitia Ky), Marie (Aïssa Maïga), Kenza (Estelle Kenza Dogbo), Naney (Debora Lobe Naney) © trigon

Drei Frauen kauern an der Badewanne und waschen ein kleines Mädchen. Die Szene hat etwas von einer Taufe. «Wie heisst Du?» fragt Marie. «Kenza», sagt die Kleine. «Wie alt bist Du?» fragt Naney. «J’ais deux ans», sagt Kenza. «Nein, Du bist nicht zwei Jahre alt, stellt Naney fest. «Wie heisst dein Papa? Wer war sonst mit Dir auf dem Boot?». Keine Antwort. «Gehst Du zur Schule?» fragt schliesslich Jolie. Und auch auf die Frage zuckt die Kleine nur die Schulter.

Dann kommt doch noch etwas: «Das Boot ist umgekippt. Die Erde ist kaputt gegangen. Der Onkel hat die Messer genommen, im Haus. Er hat sie in seine Tasche gesteckt und er hat sie auf die Leute geworfen…»

Marie (Aïssa Maïga) und Kenza (Estelle Kenza Dogbo) © trigon

Damit ist die kleine Kenza aufgenommen in die Frauen-Wohngemeinschaft in Tunis, faute de mieux, denn Marie, Naney und Jolie haben eigentlich schon genug eigene Probleme. Alle drei sind unabhängig voneinander von der Elfenbeinküste nach Tunesien gekommen und sitzen hier fest.

Marie wartet auf eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung, Naney will eigentlich längst weitermigrieren, übers Meer nach Europa. Und Jolie, die Studentin mit legalem Status, sitzt einigermassen genervt in der WG mit den zwei älteren Frauen fest, weil ihr Papa, offenbar ein Regierungsbeamter in Abidjan in Côte d’Ivoire, der Freikirchen-Pfarrerin Marie als Chaperone zutraut, das Töchterchen von den möglichen Exzessen im Studentinnenwohnheim abzuschirmen.

Die in Frankreich aufgewachsene tunesische Filmemacherin Erige Sehiri (Under the Fig Trees, 2022) kommt ursprünglich vom Dokumentarfilm; ihr politisches und feministisches Engagement scheint in all ihren Projekten auf, unaufdringlich, herzlich und sehr nahe an ihren Protagonistinnen.

Promis le ciel nimmt dabei fast en passant ein Thema auf, das in der Regel nicht bis zu uns in Mitteleuropa durchscheint: Die afrikanische Binnenmigration. Es seien schliesslich nur rund 20% der afrikanischen Migrantinnen und Migranten, welche sich nach Europa durchkämpfen, sagt Sehiri in diesem Interview. Die meisten Bewegungen finden auf dem afrikanischen Kontinent statt. Was auch bedeutet, dass in Ländern wie Tunesien ähnliche rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen zu finden sind, wie in den europäischen Ländern – wohl nicht zuletzt verstärkt durch den europäischen Druck und die finanziellen Anreize, Migrantinnen und Migranten aufzuhalten.

Was Promis le ciel so speziell und so bewegend macht, ist Erighe Sehiris meisterhafte Art, von der Persönlichkeit ihrer Protagonistinnen auszugehen. Sie und ihre Ko-Autorinnen Anna Ciennik und Malika Cécile Louati haben keine Figuren als Funktionen in Abhängigkeit von Plot-Konstruktion erschaffen. Sie gehen von tatsächlichen Menschen und Schicksalen aus. Und das wiederum erzeugt echte Sympathie und echte Irritation jenseits aller didaktisch-aufklärerischen Komponenten.

Die drei Frauen in dieser Geschichte sind jede für sich genommen einnehmend und eigenwillig.

Marie (Aïssa Maïga) © trigon

Marie (Aïssa Maïga) ist das moralische Zentrum. Als versteckt operierende Pfarrerin einer evangelikalen Freikirche in ihrem gemieteten Haus («house church») ist sie unter Druck wegen der zunehmenden Schikanen und Verfolgung durch die Behörden, denen die religiös-solidarische Selbsthilfe der Migrantinnen und Migranten ein Dorn im Auge ist. Da hilft die illegale Beherbung der kleinen Kenza eben so wenig wie der Druck des zunehmend nervösen alten Vermieters Ismaël (Mohamed Grayaa).

Foued (Foued Zaazaa), Naney (Debora Lobe Naney) © trigon

Naney (Debora Lobe Naney) steckt ebenfalls in mehreren Zwickmühlen. Sie vermisst ihre junge Tochter in Cote d’Ivoire, sie hat keinen legalen Status in Tunesien und sie muss das Geld für die Schlepper-Passage nach Europa auftreiben. Das versucht sie auf alle möglichen Arten, auch gemeinsam mit Foued (Foued Zaazaa), einem liebenswerten aber ziemlich windigen Emigranten aus Europa, der nach einer Scheidung in Tunesien gestrandet ist. Sowohl Naney wie auch Foued spielen offenbar mehr oder weniger sich selbst – was sich auch in den Namen der Figuren widerspiegelt.

Marie (Aïssa Maïga), NN, Kenza (Estelle Kenza Dogbo), Jolie (Laetitia Ky), Naney (Debora Lobe Naney) © trigon

Jolie schliesslich ist die uns Mitteleuropäern nächste Figur, die Studentin, die gerne Ingenieurin werden möchte und Marie schliesslich vorwirft, sie würde sie nur beherbergen, weil die regelmässigen Zahlungen von Jolies Vater für sie wichtig seien, ihr ganzes christliches Getue sei doch bloss Fassade und ein Geschäftsmodell. Jolie (die Haar-Künstlerin und international enorm erfolgreiche Instagrammerin Laetitia Ky) ist überzeugt, als Studentin mit legalem Status könnte sie sich frei bewegen in der Stadt, ohne die Aufsicht und die Warnungen von Marie. Bis auch sie von unzimperlichen Polizeibeamten auf Migrantenjagd aufgegriffen und ins Gefängnis gebracht wird.

Die Männerfiguren in diesem Film sind, mit Ausnahme der brutalen Behördenvertreter, allesamt eher zögerlich und ängstlich, aber mit Herz, sicher Foued und Ismaël. Einzig Noa (Touré Blamassi), ein blinder (!) Journalist, der Marie noch von früher kennt, als sie noch Aminata war, nicht Marie, tritt mit einer ruhigen Bestimmtheit und einem Pragmatismus auf, die ihn zu einer fast schon archaisch-patriarchal mythischen Figur machen, wiederum passend zum Namen.

Promis le ciel ist ein faszinierend warmherziger, ehrlicher Film mit einem unangestrengt einnehmenden weiblichen Zentrum. Erige Sehiri schafft hier politische und humanistische Aufklärung über Empathie mit Menschen, statt über das angestrengte Abarbeiten exemplarischer Fälle. Als Kinozuschauer bin ich für einmal zuerst mit dem Herzen dabei, ohne mich danach manipuliert zu fühlen. Marie, Jolie, Naney, Kenza, Fouad und Ismael sind mir alles andere als fremd.

Im Kino ab 19. Februar 2020
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