
Es braucht schon einen eklektischen Kinomeister wie Ozon, um Camus’ existenzialistischem Nihilismus so viel erotische Schönheit einzuschreiben. Er kann das, wegen dem (Sonnen-) Licht, mit dem er und sein Kameramann Manuel Dacosse die schwarzweisse Bilderpracht aufladen: «C’est à cause du soleil».
Die kleinen, aber bezeichnenden Verschiebungen, welche François Ozon mit seiner insgesamt erstaunlich textgetreuen Adaption von Camus’ «Der Fremde» vornimmt, funktionieren wie in der Sonne blinzelnde Perspektivenwechsel. Statt des berühmten ersten Satzes des Buches, «Aujourd’hui maman est morte.» (Heute ist Mama gestorben), ist Meursault, bereits im Gefängnis, mit diesem Satz zu hören: «J’ai tué un Arabe» (Ich habe einen Araber getötet).
Davor aber hat Ozon schon das Kino als Zeitmaschine in Betrieb gesetzt, über ein «Newsreel» inklusive Karte, mit Material aus den Gaumont-Archiven («Terre d’Algérie», ein Dok von Pierre Lafond von 1946) transportiert er uns zurück ins französisch-koloniale Algier der 1930er Jahre des Romans. Die Montage im klassischen 4:3-Format endet mit einer Einstellung auf das «Prison civile» im traditionellen europäischen Widescreen-Format (1.66:1),des eigentlichen Films, in prächtigem Schwarzweiss und mit historisch detailliert durchgestyltem Ausstattungsaufwand von den Kleidern bis zu den Autos.

Benjamin Voisin ist ein mehr als adäquater Meursault. Er gibt dem jungen Mann die ganze verwunderte Gefühllosigkeit, die wir ihm beim Lesen seiner Erinnerungen zuschreiben müssen. Dazu aber einen suchenden Blick, einen unstillbaren Hunger nach Überwältigung, nach Berührung.
Wenn schon die Nachricht vom Tod der Mutter in ihm kaum eine Regung erzeugt, wird auch die fröhliche Zuneigung und die körperliche Verfügbarkeit von Marie (Rebecca Marder) daran nichts ändern. Und auch die Faszination der Gewalt, die sein Nachbar, der Zuhälter Sintès, seiner arabischen Freundin antut, ändert nichts an der inneren Regungslosigkeit Meursaults, obschon er Sintès mit dem Schreiben eines Briefes dabei geholfen hat, die Frau zurückzuholen.
Ozon folgt dem Text von Camus ziemlich treu und schafft gleichzeitig eine kinogerechte Aussenperspektive, indem er die Ich-Erzählung Meursaults zunächst einfach ignoriert, die von ihm reproduzierten Gespräche und Begegnungen in filmische Dialoge packt. So lange, bis Meursault am Strand den Mord begangen hat, den jungen Araber mit einem Schuss getötet und den Leichnam mit vier weiteren geschändet hat. Von nun an spricht er in ich-Form über die Bilder.

Das ist ein sehr filmischer Kunstgriff und eine auktoriale Metaebene zugleich. Ozon schreibt sich ein als Drehbuchautor, als Adapter des Buches von Camus, eines Buches notabene, das im französischen Sprachraum auf eine Art präsent geblieben ist, wie global gesehen wohl nur die Texte Kafkas.
Gerade das scheint Ozon gereizt zu haben: Eine zeitgenössische, informierte und gezielt interpretationsgeschwängerte Variation auf einen Text zu bauen, der sonst fast so inert in der Landschaft steht wie brutalistische Architektur.
Dabei helfen gerade die gezielten kleinen Verschiebungen, die retrospektive Betonung des kolonialistischen Rassismus, das Wissen um den sich abzeichnenden Algerienkrieg und die Ablösung von Frankreich: «J’ai tué un Arabe». So wie Ozon den Satz in den Raum werfen lässt von Meursault, im Gefängnis, umgeben von lauter Arabern, ist das nicht nur die verwunderte und faktische Feststellung eines Mannes, sondern auch eine radikale, potentiell selbstmörderische Provokation.

Ozons Meursault ist, im Kontinuum der Kinogeschichte, näher bei Mary Harrons American Psycho als bei den amerikanischen Beat-Poets, die mit den ebenfalls retroaktiven Verfilmungen von The Sheltering Sky oder Naked Lunch ihrerseits zeitlich näher bei Camus angesiedelt waren.
Das zeigt sich nicht nur im kinematographischen Aufwand, den Ozon betreibt, mit den Kostümen, der Ausstattung, sondern auch mit seinen gezielten Rückgriffen in die Kinogeschichte. So hat er für den im Buch unbetitelten «Film mit Fernandel», den Meursault auf Maries Wunsch mit ihr im Kino sieht, einen konkreten Film gewählt. Marcel Pagnols Le Schpountz mit Fernandel von 1938. Im Buch von Camus erinnert sich der mit Fummeln beschäftigte Meursault kaum an den Inhalt des Films:
«Der Film war stellenweise ganz lustig, aber im ganzen reichlich blöd. Sie drückte ihr Bein gegen das meine. Ich streichelte ihre Brüste. Gegen Ende der Vorstellung küsste ich sie, aber es war nichts Ordentliches. Hinterher kam sie dann mit zu mir.» (Der Fremde, Teil 1, Kapitel II; Übersetzung von Georg Goyert und Hans Georg Brenner)

Dabei ist Le Schpountz seinerseits eine eigentliche Satire auf die Gnadenlosigkeit des Filmgewerbes, mit einer naiven Hauptfigur, die sich für einen genialen Schauspieler hält – was man wiederum als Kommentar Ozons zur Figur Meursault interpretieren kann, als umgekehrte Spiegelfigur dieses Mannes, der sich allen gesellschaftlichen Konventionen verweigert, welche ostentative Gefühle einfordern. Meursault fühlt nichts und will darum auch keine Gefühle spielen.

Ozon geht noch weiter und lässt Voisin als Meursault mit Marder als Marie am Strand kurz vor dem Mord die ikonische «Sex on the Beach»-Szene aus From Here to Eternity mit Burt Lancaster und Deborah Kerr nachstellen, ein flirrend-verwirrendes Vexierspiel. Auch darum, weil Ozon den ganzen Film über die Erotik als durchaus reale und damit wider Erwarten auch emotionale Kraft in Meursaults Leben betont. Wie übrigens auch Camus, wenn er Meursault nach der Nacht mit Marie an deren Kissen riechen lässt:
«Als ich wach wurde, war Maria schon fort. Sie hatte erklärt, sie müsse zu ihrer Tante. Mir fiel ein, dass es Sonntag war, und das ärgerte mich: ich mag den Sonntag nicht. Ich legte mich auf die andere Seite und suchte im Kopfkissen den Salzduft, den Marias Haar dort hinterlassen hatte, und schlief bis zehn Uhr.» (Der Fremde, Teil 1, Kapitel II; Übersetzung von Georg Goyert und Hans Georg Brenner)

Ozon schafft mit diesem Film einmal mehr ein (vielleicht ephemeres) kleines Wunder, indem er dem Horror des philosophischen Nihilismus von Camus die ganze betörende Sinnlichkeit der Sinnstiftungsmaschine Kino entgegenwirft und damit nicht, wie zu erwarten, ein inertes Nichts erzeugt, sondern ein nachwirkendes, anregendes Versprechen.
Wie ein bekräftigender Hammerschlag wirkt darum auch am Ende der Song «Killing an Arab» von The Cure, den Ozon ohne Vorwarnung über den Abspann legt.
Neben der wunderbaren Ausstattung und der einnehmenden Bildgestaltung sind es auch die Darsteller hinreissend. Voisin als Meursault schafft der gefühlsarmen Figur zum Trotz eine Brücke ins Publikum, Rebecca Marder hebt ihre Marie über die reine Attraktion hinaus zu einer fast schon Gretchen-ähnlichen Figur, indem sie keine Zweifel aufkommen lässt an der Selbständigkeit und Intelligenz der jungen Frau.
Pierre Lottin ist gewohnt magnetisch mit seiner groben Fassade. Und schliesslich schafft Denis Lavant mit dem alten Hunde-Quäler Salamano eine weitere seiner abstossend-anziehend rührenden Figuren.
Ozons L’étranger ist eine schöne Versuchung, eine stilsichere, einnehmende Verführung zum Lesen.
Im Kino ab 19. Februar 2026
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