BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth

The Overseer (Tilda Swinton) © xenix

Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»

Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.

Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen.

The Record Keeper (George MacKay) © xenix

Schon das alleine hätte einen ungewöhnlichen, schillernden und attraktiven Dokumentarhybrid ergeben. Aber zum ausführlichen Trip in die medial begleitete, von Skandalen, Erfolgen, Drogensucht und mehr als einem Comeback gezeichneten Leben gesellt sich noch eine Studiorunde engagierter Frauen, welche all das unter wechselnder Generationenperspektive kommentieren und einordnen, zu dem Faithfull sich nicht selbst äussern will, kann oder soll.

Mit dieser fiktiven Korrektur-Rahmung entsteht ein kaleidoskopartiges Bild zum Leben einer Frau, die im Rückblick dank ihrer Ehrlichkeit und Konsequenz jeder Niederlage, jedem Absturz, jeder medialen Verleumdung und Verniedlichung eine neue künstlerische Facette abgerungen hat, mit bleibender Wirkung.

Wie bleibend, das demonstrieren in ergänzenden Studioeinschüben im gleichen Ministerium des Nichtvergessens diverse jüngere Künstlerinnen mit ihren jeweiligen Interpretationen wegweisender Faithfull-Lieder:

‚Broken English‘: Courtney Love © xenix

Courtney Love interpretiert «Times Square», Suki Waterhouse singt «Sister Morphine», Jehnny Beth das dringliche «Why’d Ya Do lt?» und Beth Orton schliesslich Faithfulls ersten grossen selbstgetexteten Hit (mit der Musik von Mick Jagger), «As Tears Go By».

Und schliesslich, als Höhepunkt und Abschluss des Films, singt Marianne Faithfull, nur Monate vor ihrem Tod, «Misunderstanding», im Duett mit Nick Cave und mit Warren Ellis an der Geige.

Marianne Faithfull im Studio: Last Session © xenix

So ungewöhnlich dieser Film vorgeht, so überzeugend ist schliesslich das Resultat. Die Mischung aus Archivmaterial, kritischer Aufarbeitung, Selbstzeugnis und zeitgenössischer Interpretation hat, allen didaktischen Komponenten zum Trotz, vor allem bestechende und betörende Aspekte.

Und wohl auch Vorbilder. Das erste, was einem dabei in den Sinn kommen dürfte, ist Todd Haynes’ I’m Not There von 2007, in dem diverse Stars, darunter Cate Blanchett, Heath Ledger und Richard Gere verschiedene Aspekte von Bob Dylan und seinem Leben verkörpern.

Marianne Faithfull, 3. Januar 1965 © xenix

Broken English: Marianne Faithfull war konzipiert als kollaborativer Lebens- und Schaffensrückblick der Sängerin und Schauspielerin mit Jane Pollard und Iain Forsyth, ein weiteres ungewöhnliches und originell aufgezogenes Projekt der beiden. Als Marianne Faithfull am 30. Januar 2025 starb, war der Film noch nicht fertig, nun ist er zu einem Teil ihres Vermächtnises und gleichzeitig zu einem anregenden und vielseitigen Denkmal geworden.

Im Kino ab 26. Februar 2026
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