MELODIE von Anka Schmid

Männerchor Salmsach-Langrickenbach © frenetic

Singen ist eine eigentümliche, ziemlich ursprüngliche Tätigkeit. Darauf macht uns Anka Schmids Dokumentarfilm sehr bald aufmerksam. Wir sehen ein Frühchen auf der Brust der Mutter liegend, mit Schläuchen, Elektroden und Magensonde mit unserer Welt verbunden, die vorzeitig auch die seine geworden ist. Am Bettrand sitzt eine Frau mit einer Art Harfe und summt.

Die Melodie simuliert die Geräuschkulisse, welche das Kind im Uterus wahrgenommen hätte, gedämpft, ohne höhere Frequenzen, über das Fruchtwasser, nicht über die Luft, wie wir es gewohnt sind. Das erklärt die Therapeutin, während ich mich daran erinnere, wie ich mich als Kind über leises Summen und Brummen bei einer Mittel­ohr­ent­zün­dung von den Schmerzen ablenkte.

Und natürlich erinnern sich fast alle von der Filmemacherin auf ihre frühesten Melodieerfahrungen Angesprochenen an die generationenübergreifenden Schlaflieder.

Mina Inauen beim Alpsegen © frenetic

Das Singen diesseits seiner künstlerischen oder gar kommerziellen Ausprägung gehört zu den Menschen, zu unseren Fähigkeiten. Mit Melodien schaffen wir Verbundenheit, Ausdruck, Erinnerung, gemeinsam oder auch ganz für uns alleine.

Wie die alte Griechin Panagiota Georgilos, die seit dem Tod ihres Mannes ihren eigenen erwartet, singend, trauernd und betend, zwischen Garten und Kapelle, mit einer Litanei, die kein Publikum sucht, sondern die Erinnerungen.

Zugang zu den eigenen verschütteten Erinnerungen verhilft auch die Britin Heather Edwards alten und zum Teil sehr dementen Menschen mit ihren «Come and Sing»-Treffen, etwa in der Millennium Library in Norwich. Es ist unendlich berührend, zu sehen, wie die Lippen unter den leeren Augen einer alten Frau plötzlich die einst vertrauten Worte mitformen, wie die vergessene Welt in ihr wieder aufersteht.

Joanna Kora mit Chor GoAndSing © frenetic

Anka Schmid hat ihre Protagonistinnen und Protagonisten scheinbar assoziativ zusammengestellt, die Möglichkeiten und Funktionen des Singens sind so vielfältig, dass sich eine filmische Systematisierung offenbar nicht aufdrängt.

Ob sich der Chor von seinen Vor- und Solosängerinnen zu hühnerhauterzeugender Intensität hochsingen lässt, ob Mina Inauen in der Abgeschiedenheit der appenzellischen Berge den traditionellen Alpsegen durch den Holztrichter singt, oder ob der mit seinen über 70 Jahren bedauernd zu den jüngeren Mitgliedern des Männerchores Salmsach-Langrickenbach gehörende Karl Reinhart seinen prächtigen Schnauz hochzwirbelt, bevor er sich mit den anderen zu harmonisch-rhythmischen Glanzleistungen aufschwingt: Alle nutzen sie, was sie haben, um von der Welt gehört zu werden und vor allem, um die Welt zu hören.

Anka Schmids neuer Film kommt für einmal überraschend formlos daher, die einzelnen Elemente sollen sich wohl von selbst verbinden. In der Welt des Schlagers würde man eine solche zusammengewürfelte Mischung aus Melodien und Musiken als Medley bezeichnen, oder als Potpourri. Beides ist eher berüchtigt, auch oder gerade wenn es so richtig ohrwurmt.

Melodie wirkt als Film fröhlich und überraschend kunstlos, weil das fast alles unangestrengt und ohne kategorisierende Systematik daherkommt. Einfach mal hingelegt: Ein Ohrenöffner für die Augen.

Kinotourdaten mit Team
Im Kino ab 5. März 2026

Spielorte und -Zeiten


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