HANAMI von Denise Fernandes

Nana (Dailma Mendes) bei der Heilerin © cineworx

Warum dieser magische Film, der auf einer der dürrsten kapverdischen Vulkaninseln spielt, einen paradoxen japanischen Titel trägt – Hanami (japanisch 花見, „Blüten betrachten“) – wird im Verlauf der Handlung geklärt. So schön klar, oder vielmehr wunderbar unklar, wie der ganze Film.

Hanami ist zwar auch eine Erzählung, die Geschichte der kleinen Nana, welche von ihrer Mutter Nia auf einer der Vulkaninseln in der Obhut anderer Frauen zurückgelassen wird, bis sie wieder auftaucht, an Nanas sechzehnten Geburtstag.

Aber Hanami ist vor allem Sehnsucht, Traum, Ahnung. Ein Film, in dem die Zeiten sich überlagern, eigene und fremde Erinnerungen, wie Wellen über den vulkanischen Sandstrand schwappen, wie die Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen und die Jungschildkröten, welche dann über den gleichen Strand gemeinsam und gleichzeitig den gleichen Weg ins Wasser wieder auf sich nehmen.

Nia (Alice Da Luz) mit Baby-Nana © cineworx

Der Film beginnt mit einem Blick auf ein verlassenes Fischerhaus, hoch oben auf einer der Klippen, und blickt dann zärtlich und diskret auf ein Liebespaar im gleichen Haus, auf die Hände des Mannes und der Frau, die sich spielerisch berühren.

Viel später wird Nana sich an diese Verliebtheit ihrer Eltern erinnern, vorerst, ohne ihre Mutter kennengelernt zu haben. Denn Nia hat die Insel bald nach Nanas Geburt verlassen, allerdings nicht ohne zuvor noch eine Mutter-Tochter-Fotografie im lokalen Studio herstellen zu lassen.

Inselschwestern © cineworx

Das Leben auf dieser kargen Insel ist geprägt von Trockenheit und Abwanderung, viele verlassen den Ort, werden zu Migranten, und jene, die zurückbleiben, tragen die doppelte Sehnsucht in sich: Die nach dem Woanders und jene nach den Abgereisten.

Gleichzeitig ist das Leben dieser Menschen von Gemeinschaft geprägt, die Frauen der Familien kümmern sich um alle Kinder, Nana (als Kind: Dailma Mendes) wird, als sie ein böses Fieber nicht mehr loslässt, zu einer alten Heilerin geschickt. Ihr Onkel träumt von einer eigenen Bäckerei und verwirklicht den Traum, und auch Nana (als Teenager: Sanaya Andrade) wird dort schnell heimisch und tüchtig, als Kuchenbäckerin und als Verkäuferin.

Papi Orlando, Herz der Lava, und Nana (Dailma Mendes) © cineworx

Denise Fernandes kam 1990 in Lissabon zur Welt, als Tochter kapverdischer Eltern. Aufgewachsen ist sie in Locarno, ihr Filmstudium begann sie in Lugano und setzte es in Kuba fort. 2014 kehrte sie zurück in die Schweiz, zog aber bald weiter nach Paris und knüpfte in der dortigen Filmszene Kontakte zu franco-afrikanischen Filmschaffenden. Was sie schliesslich ermutigte, auch als Filmemacherin verstärkt ihren eigenen Wurzeln nachzuspüren:

«Als ich ein Kind war, fiel mir auf, dass Kap Verde aufgrund seiner geringen Grösse auf Weltkarten und Globen oft fehlte. Um ihn sichtbar zu machen, habe ich Kap Verde und seine Bewohnerinnen und Bewohner zum zentralen Thema meines ersten Langspielfilms gemacht. Hanami entsteht aus materiellen und immateriellen Elementen, aus Geschichten und Erfahrungen, die Teil des Lebens vieler Menschen auf Kap Verde sind. Oft träumen jene, die gehen, von der Rückkehr, und jene, die bleiben, vom Fortgehen. Die Verbindung, die Hanami mit Japan eingeht, ist sowohl bedeutungsvoll als auch spielerisch, denn während die Welt, in der wir leben, durch Grenzen definiert ist, sind diese im Film ätherisch.»

Nana (Sanaya Andrade) hört Meer © cineworx

Wie kein anderes Medium – ausser vielleicht der Musik – kann der Film diese Idee «ätherischer» Grenzen erfahrbar machen. Denise Fernandes tut dies mit einer erstaunlichen Sicherheit. Ihre Bilder und Einstellungungen wirken alle zugleich dokumentarisch und poetisch, sie durchdringen sich gegenseitig wie Erinnerungen die Gegenwart und Träume die Wahrnehmung.

Dabei nutzt die Filmemacherin geschickt unser Bedürfnis nach Zuverlässigkeit, nach Verlässlichkeit in der Erzählung. Wann immer wir meinen, ein Gespräch oder einen Vorgang verstanden zu haben, eröffnet sich die Möglichkeit einer anderen Dimension. Selbst die so konkrete wirtschaftliche Umsetzung des Bäckereitraums des Onkels wird mit der Namensgebung «Stribilim» zu einem symbolisch aufgeladenen Sehnsuchtsort.

Und der japanische Geowissenschaftler, der die Vulkantätigkeit auf der möglicherweise bald nicht mehr bewohnbaren Insel untersucht, verbindet sich ohne Sprachkenntnisse und Sprachbarrieren freundschaftlich mit dem alten Mann, der als «Papi Orlando, Herz der Lava» seinerseits gleichsam die Insel und ihre Tradition verkörpert. Der Japaner ist es auch, welcher «Hanami» als Begriff einführt, und er ist es, der seine Verbundenheit mit den Vulkaninselbewohnern ausgerechnet mit einem Feuerwerk feiert.

Nana (Sanaya Andrade) und ihre Mutter Nia (Alice Da Luz) © cineworx

Am deutlichsten und zugleich schönsten aber kommt die Gleich­zeitigkeit der Sehnsüchte ins Bild, wenn Mutter Nia und Tochter Nana sich am Ufer des Meeres ohne viele Worte aussprechen, über den Wunsch der Mutter, die Tochter nun mit zu sich zu nehmen, und den Wunsch der Tochter, lieber auf der Insel zu bleiben: Nicht zum ersten Mal, aber ganz klar gleichen sich die zwei Frauen hier zum Verwechseln, bis hin zu Frisur und Alter.

Wer möchte, kann demnach auch die ganze Kindheitsgeschichte der Nana als Wunsch der seinerzeit abgereisten Mutter verstehen, als Ausdruck der Hoffnung, dass es der verlassenen Tochter gut ergangen sein möge.

Es sind schliesslich Zustände und Gefühle, welche dieser Film aufbringt und nachhaltig nachklingen lässt, wie auch die Originalmusik von Rahel Zimmermann, welche vertraut und fremd zugleich im Ohr hängen bleibt und im Abspann Platz macht für «Bye, Bye My Love» vom kapverdischen Sänger und Komponisten Gil Semedo, der seine Karriere seinerseits als Emigrant in den Niederlanden startete.

Hanami wirkt gerade darum geerdet und verträumt, magisch und realistisch zugleich, weil Denise Fernandes dokumentarisch inszeniert, mit Laiendarstellerinnen vor Ort und mit einer zeitlosen Atmosphäre.

Im Kino ab 5. März 2026
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