
Dafür, dass Leonora Carrington dem Surrealismus Zeit ihres Lebens treu geblieben ist, hält sich dieser Spielfilm zu ihrem Leben inszenatorisch erstaunlich zurück. Die surrealsten Einstellungen wurden an einem existierenden Ort gedreht, im mexikanischen Skulpturengarten «Las Pozas» des Kunstsammlers Edward James. Wenn die Schauspielerin Olivia Vinall als Leonora Carrington dort hoch über den Pflanzen des Dschungels von Plattform zu Plattform geht, sieht das tatsächlich aus, als ob sie durch eines ihrer Bilder via Max Ernst und Luis Buñuel direkt in einen M. C. Escher gestiegen wäre.
Und dann gibt es noch diese Szene, in der Leonoras Vater, der britische Textilfabrikant Harold Wylde Carrington, hinter einem massiven Holztisch von einer riesigen Hyäne zerfleischt wird. Unter anderem darum, weil er seiner Tochter nie geglaubt hatte, dass sie mit den Tieren reden konnte. Aber auch darum, weil Leonora zu dem Zeitpunkt auf Veranlassung ihres Vaters in einer spanischen Nervenheilanstalt festgehalten wurde.
Es gibt gute Gründe für dieses über weite Strecken ganz klassisch als Kostümfilm angelegte Biopic. Einer davon ist sicher der Kontrast zwischen Leonora Carringtons zeitweilig fragiler Psyche und ihrer ganz objektiv aussergewöhnlichen Biografie in aussergewöhnlichen Zeiten. Ein Kontrast, der sich auch im Kontrast zwischen ihrer Herkunft aus einem reichen britischen Haus und dem Bohèmeleben ihrer Wahlverwandtschaft mit den Pariser Surrealisten der Zwischenkriegszeit widerspiegelt.

Der Film von Thor Klein und Lena Vurma setzt ein in Mexiko, wo Leonora Carringtons kriegsbedingte Flucht aus dem nazibesetzten Frankreich nach Stationen in Spanien und Lissabon ein Ende fand und einen Neuanfang. Von ihrem ersten Erholungsurlaub beim Kunstsammler Edward James blendet der Film dann zurück ins Paris von 1938. Carrington bewegt sich da in den gleichen Kreisen wie Salvador Dalí mit seiner Frau Gala, René Magritte, Joan Miró oder André Breton, in einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung mit dem 26 Jahre älteren Deutschen Max Ernst.
Klein und Vurma stützen sich unter anderem auf die Romanbiografie «Leonora» (México : Seix Barral, 2011; deutsch: «Frau des Windes», Insel, Berlin 2012) von Elena Poniatowska, bemühen sich aber auch ihrerseits zusätzlich, den Werdegang ihrer Heldin nicht einfach über die Männer in ihrem Leben zu erzählen. Schliesslich gehört Carrington unterdessen auch auf dem internationalen Kunstmarkt zu den ganz grossen Namen, nachdem sie jahrzehntelang vor allem auf ihre frühe Beziehung zu Max Ernst reduziert worden war.

Dabei hilft dem Film auch Leonoras Freundschaft zur Künstlerin Remedios Varo (Cassandra Ciangherotti), der sie auf allen Stationen ihres Lebensweges immer wieder begegnet. All die gemeinsamen Szenen der beiden Schauspielerinnen sind von einer speziellen Wärme und einer Vertrautheit geprägt, welche einen weiteren Kontrast bildet zur weitgehenden Zurückhaltung, den Olivia Vinall als Leonora Carrington in den meisten Szenen ausstrahlt.

Der Film ist in einzelne Kapitel unterteilt, die sich wohl auf Bilder und Motive (Tod, Das Pferd, Die Hyäne etc.) aus dem Werk Carringtons beziehen, die grossen Einschnitte in ihrem Leben sind aber wie (Geburts-)Traumata integriert.
Co-Regisseurin Lena Vurma meint dazu:
Die sensible Künstlerin mit psychischen Problemen – das ist natürlich ein Klischee. In Leonoras Fall ist dies für mich jedoch vor allem eine Geschichte über Resilienz, über gleichzeitige Stärke und Fragilität, über innere Kreativität, die nie aufhörte, sie positiv anzutreiben. Abgesehen davon, dass wir uns darin wiederfinden konnten, interessierte uns auch der Aspekt der Heilung. Leonora hat es geschafft, ihre Psyche durch die Kunst in Zaum zu halten. Selbst in der Klinik, wo sie Elektroschocks und Zwangsernährung erlebte, wurde sie nicht gebrochen, sondern kam stärker heraus als vorher – ohne ihre Sensibilität zu verlieren. Also eher eine spannende Genesung als sich – wie so manch männlicher Künstler – ein Ohr abzuschneiden… Leonora konnte sich quasi neu zusammensetzen und für den Rest ihres Lebens den schmalen Grat zwischen Kreativität und psychischer Fragilität beschreiten. Unsere Hauptdarstellerin Olivia Vinall zeigt das auf fast magische Weise. Sie ist regelrecht mit ihrer Figur verschmolzen.

Den ganz grossen Höllensturz erfährt sie, als Max Ernst seiner klar antifaschistischen Haltung zum Trotz von der französischen Gendarmerie als «gefährlicher Ausländer» verhaftet und in ein Lager gebracht wird, kurz vor der deutschen Invasion. Damit endet auch das idyllische Kapitel der gemeinsamen Liebes- und Arbeitsbeziehung des Künstlerpaares im südfranzösischen Saint-Martin-d’Ardèche.
Die Flucht nach Spanien, der Zwangsaufenthalt in der Nervenheilanstalt und dann die weitere Flucht über Lissabon nach Mexiko sind dann der erste Schritt zur persönlichen Wiedergeburt der Künstlerin, welche eine zweite entscheidende Entwicklung bekommt über ihren Kontakt mit der indigenen Mythologie in ihrer neuen Heimat Mexiko – im Dschungelgarten von Las Pozas.
Dass sich der Titel des Films wiederum auf ein Bild von Max Ernst bezieht, dem Leonora dafür in glücklichen Tagen Modell gestanden hat und das aussieht, als ob es Las Pozas vorweggenommen hätte, ist nur eine von vielen schönen Aspekten dieses Films, der formal, ästhetisch und programmatisch wohltuend auf eine einzelne rigide Perspektive verzichtet und tatsächlich traumähnlich im Fluss bleibt.
Premiere im Filmpodium Zürich: 11. März 2026
Stationen und Daten der Kinotour inkl. Q&A mit dem Regie-Duo:
– Filmpodium 11.3. 20 Uhr
– TaB Reinach AG 12.3. 20 Uhr
– KinoK St. Gallen 13.3. 18.30 Uhr
– Cinema Luna Frauenfeld 14.3. 17 Uhr
– Kino Aarau Schloss 15.3.Matinee 10.30 Uhr
– Orientkino Baden/Wettingen 15.3. 15.00 Uhr
– NKSA 16.3. 15 Uhr
– Rex Bern 16.3. 18 Uhr
– Odeon Brugg 17.3. 18.00
– Kino Freier Film 17.3. 20 Uhr
– Schloss Cinema Wädenswil 18.3. 18.30 Uhr
– Kino Sputnik, Liestal, 19.3. 18.00 Uhr
– Kino Cameo, Winterthur 20.3. 18.00 Uhr
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