
106 Minuten pure, cinéphile Glückseligkeit. So könnte man diesen Film zusammenfassen. Richard Linklater bastelt aus Realität, Filmgeschichte, Begeisterung, Legende und Gegenlegende eine Fontäne des Aufbruchs, der Nonchalance, der nicht mehr ganz jugendlichen Getriebenheit zwischen Sorglosigkeit und Ehrgeiz, Arroganz und Freundschaft.
Nicht nur der von Guillaume Marbeck gespielte Jean-Luc Godard in diesem Film trägt die Arroganz des Salon-Revolutionärs wie eine schwarzweisse Trikolore vor sich her, auch der Rest der vor allem aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Ähnlichkeit mit den Originalen gecasteten jungen Truppe sprüht vor Charme und Frechheit.
Die Entstehung von Jean-Luc Godards A bout de souffle im Jahr 1959, als grenzüberschreitender Feuerwerksknall der bereits heftig in die Gänge gekommenen Bilderstürmergarde ungestümer Filmkritikerinnen, das ist der Stoff, aus dem ein längst unüberschaubarer Flickenteppich von Mythen und Legenden gewoben wurde.

Wahrscheinlich brauchte es den us-amerikanischen Enthusiasmus eines Richard Linklater, um dem heiligen Ernst beizukommen, mit dem nicht nur Frankreichs Kino-Exegeten, sondern auch ein guter Teil der Film-Akademiker die Nouvelle Vague über die Jahre ausgestattet haben.
Zwar hat sich schon Michel Hazanavicius vor fast zehn Jahren mit Le redoutable darum bemüht, die Legende Godard ein wenig aus der Stratosphäre der Heiligenverehrung zurück auf den Boden der aufrechten Wertschätzung zu holen – zu einem Zeitpunkt notabene, da der Meister noch lebte und so kauzig wie clever die eigene Legende weiterspann. Aber Hazanavicius musste dafür Position beziehen, was seinen Film eher zu einem amüsanten Diskussionsbeitrag machte, als zu einem richtigen Kinoerlebnis.
Ich schrieb damals aus Cannes:
Michel Hazanavicius spielt bis zum Überdruss mit dem Kontrast zwischen dem bürgerlich privilegierten Leben und der revolutionären Attitüde Godards; der Blick des Films ist klar definiert und Godard kommt mit seinen zunehmend verzweifelten Versuchen, sich dem Erfolg und der kulturellen Vereinnahmung zu entziehen nicht gut weg.

Noch einmal 34 Jahre früher, 1983, hatte ein anderer Amerikaner das Sakrileg begangen, Godards Film als farbiges Remake erneut in die Welt zu setzen. Breathless von Jim McBride vollzog mit Richard Gere in der Belmondo-Rolle und Valéry Kaprisky in jener von Jean Seberg das, was Roger Ebert dann folgerichtig, aber nicht ohne Bewunderung, als «several levels of cinematic incest» bezeichnete. Er reamerikanisierte die französische Variante des us-amerikanischen Gangsterfilms, von dem Chabrol, Truffaut und Godard ausgegangen waren. Und dies voller Begeisterung, mit grossem Budget und, wie wir spätestens heute konstatieren dürfen, einem ähnlich entwaffnenden cinéphilen Enthusiasmus wie nun Richard Linklater.
Der grosse Unterschied bestand und besteht allerdings darin, dass Linklater sein Projekt zwar auch auf der Suche nach einem Gefühl entworfen hat, dies aber nicht auf der inhaltlichen Ebene des Plots ansiedelt, sondern autobiographisch.

Jeder begeisterte Filmemacher sollte mindestens einmal einen Film über das Filmemachen machen, meint Linklater. Auch wenn kaum einer darauf hoffen könne, dass dabei ein Otto e mezzo (Fellini, 1963) herauskomme, oder La nuit américaine (François Truffaut, 1973):
Im Laufe der Jahre kehrten meine Gedanken immer wieder zu dem Moment zurück, als ich meinen ersten größeren Film drehte – zu dieser absoluten Freude, endlich jahrelange filmische Ideen und Obsessionen in einem Film verdichten zu können. Das ist natürlich eine Erfahrung, die man nur einmal machen kann. Niemand ist jemals wirklich vorbereitet auf die physischen und psychischen Kämpfe, die damit einhergehen: das Aufeinandertreffen von überwältigendem Selbstvertrauen und tiefer Unsicherheit aufgrund von Unerfahrenheit, die grenzenlose Leidenschaft, die täglich durch die Instabilität eines Berufs auf die Probe gestellt wird, an dem so viele Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Bedürfnissen beteiligt sind. Ich hatte mein Thema, aber eine Autobiografie schien mir nicht die richtige Lösung zu sein. Die Schwierigkeiten beim Drehen eines Films sind für jeden Künstler Teil seines Schaffensprozesses, aber braucht die Welt wirklich ein weiteres Porträt eines Künstlers, der mit den Qualen des Schaffensprozesses ringt?
Nun, die Qualen des Künstlers sind auch in Nouvelle Vague nicht ganz ausgeblendet. Aber sie äussern sich am heftigsten in den Zahnschmerzen, welche Godard an einem der Drehtage lahmlegen (worauf ihn der empörte Produzent Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) gleich zu seinem Zahnarzt schleppt). Die übrige Zeit versteckt der 28jährige Godard seine Unsicherheit, seinen Ehrgeiz und die Angst, von seinen allesamt schon erfolgreicheren Kollegen abgehängt worden zu sein, hinter einer genialischen Arroganz.

Den sonnigen Gegenpol der Konstellation stellt Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin in einer Tour de force hinreissender Mimikry) dar, der mit seiner durch nichts zu erschütternden guten Laune, seinem Charisma und seinem Charme das Filmschiff über Wasser hält, in der festen Überzeugung, dass das Resultat ohnehin nie auf einer Leinwand zu sehen sein würde.
Zwei weitere Eckpunkte bilden Zoey Deutch, deren Jean Seberg eine Weile braucht, um dem methodischen Chaos ihres Regisseurs auf die Spur zu kommen und immer mal wieder damit droht, davon zu laufen, und Produktionsleiter Pierre Rissient (Benjamin Clery), der mit seiner stoischen Hingabe alles zusammenhält.
Überhaupt sind alle Figuren in diesem Film liebevolle Momentaufnahmen ihrer Originale im Zustand grösstmöglicher Verschworenheit und Hingabe. Man könnte von positiven Karikaturen reden, angesichts des ansteckenden Schwungs, den sie alle verbreiten.

Gleichzeitig legt Linklater grösstmöglichen Wert auf Genauigkeit. Ausstattung, Sprache, Konstellationen und historisch belegtes Hintergrundwissen wurden akribisch überprüft, der Filmemacher aus den USA profitiert hier maximal vom französischen Knowhow, von der vielbeschworenen joie de vivre und all den überlieferten oder kolportierten Reibungsflächen.
Der wichtigste und wirkungsvollste Mechanismus für diesen Films ist allerdings ganz klar unser heutiges Wissen um den Erfolg und den filmhistorischen Stellenwert von A bout de souffle. Daraus resultieren Witz, Vergnügen, Befriedigung und Bewunderung angesichts all der Unwahrscheinlichkeiten, Flunkereien, Hochstapelei und revolutionär vatermörderischen Arroganz dieser jazzig improvisierenden Jungtruppe mitten im kulturellen Aufbruch der vierten Republik.
Nouvelle vague ist eine hinreissend charmante, witzige Liebeserklärung an den jugendlichen Tatendrang, an die Idee der Selbsterneuerungskraft des Kinos und an den Aufbruch als Lebensgefühl.
Im Kino ab 12. März 2026
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