
In der 43. Minute von Wim Wenders’ Der amerikanische Freund von 1977 liegt Bruno Ganz auf einem Schragen im American Hospital in Paris und erklärt dem Arzt, er komme aus Hamburg. Aber eigentlich sei er Schweizer. Ein «Zürihegel».
Die Herkunft ist nicht das einzige, was den Filmpublizisten und langjährigen trigon-Verleih-Leiter Walter Ruggle mit dem Subjekt seines neuen Buches verbindet. Aber doch prägend, wie Ruggle in seinem «Einstimmung» genannten Vorwort andeutet:
Schreibend folge ich ein Leben lang Autorinnen und Autoren. Natürlich begegne ich auch anderen an Filmen Mitwirkenden, führe Gespräche und schreibe über Kamera, Ton, Schnitt oder Schauspiel. Aber das Cinéma d’auteur ist nun mal geprägt von der Regie. Es ist hier das erste Mal, dass ich mich voll und ganz auf einen einzelnen Schauspieler konzentriere – auch für mich ein Experiment, das mir eine weitere Perspektive auf das Kino eröffnet. Bruno Ganz, der Zürihegel – wie wir Buben aus Zürich genannt wurden –, stammt aus dem Aussenquartier Seebach und weiss es schon als Jugendlicher: Ich will Schauspieler werden. Ich will Andere spielen. (Seite 8)

Nun war dem jungen Zürihegel Bruno Ganz nach seinen ersten Erfahrungen am Zürcher Bühnenstudio klar, dass er als Schweizer besonders hart an seinem Bühnendeutsch arbeiten musste, was er dann ab 1962 an der Studentenbühne in Göttingen auch in Angriff nahm. Seine extrem klare und perfekt modulierte Sprache wurde schliesslich auch zu einem seiner Markenzeichen, so sehr, dass es in späteren Jahren vorkam, dass in Deutschland gefragt wurde, wer denn den Bruno Ganz synchronisiert habe, wenn er in einem Film mal Schweizerdeutsch sprach, wie Ruggle erwähnt (Seite 68).
Derartige anekdotische Verzierungen streut Walter Ruggle in seinem vielseitigen und multiperspektivischen Band genau so en passant ein, wie manche biografische Hinweise, etwa den auf eine einjährige heimliche Liebesbeziehung zwischen Bruno Ganz und Romy Schneider. Denn es geht Ruggle eben gerade nicht um Tratsch und Klatsch rund um das Leben seines Protagonisten, sondern zuerst und zentral um dessen professionellen Beitrag zur Bühnen- und insbesondere zur Filmkunst.

Ruggle hat die fast vierhundert Seiten seines grosszügig illustrierten Buches nicht monografisch gefüllt, sondern, wie es gerade beim Film üblich ist, kollaborativ. Der Band besteht unter anderem aus einem ersten Schnelldurchlaufkapitel zu Ganz’ beachtlicher Bühnen- und danach Filmkarriere, ergänzt um Texte von Peter Iden oder Botho Strauss.
Darauf folgen chronologisch Kapitel zu den wichtigsten Filmen mit Bruno Ganz, aufgehängt an den verkörperten Figuren («Ich will Andere spielen»), etwa «Sohn aus gutem Haus» zu Ganz’ frühen Auftritten in Schweizer Filmen, wie Es Dach überem Chopf von Kurt Früh (1961/62), später «Rahmenmacher», Ganz’ Rolle in Wenders’ Highsmith-Verfilmung Der amerikanische Freund (1977), oder «Engel» (Der Himmel über Berlin, 1985), oder «Kellner» (Pane e tulipani, 2000) bis zu «Diktator» (Der Untergang, 2004), «Alpöhi» (Heidi, 2015), oder «Höllenwart» (The House that Jack Built, 2018).

Diese Filmbiografie in detaillierten Schritten ergänzt Ruggle mit zahlreichen Gesprächen und Interviews mit Bruno Ganz, seinen Regisseuren, Mitarbeiterinnen, oder Ko-Stars. Und die sind wiederum nicht alle von Ruggle selbst geführt, was dem Buch eine perspektivische Mehrdimensionalität gibt, die zusätzlich verstärkt wird durch die kleinen werkbiografischen Abrisse zum Leben und Wirken all dieser Menschen.
Die Filmrollenchronologie mit all ihren kenntnisreich verflochtenen Bezügen bildet das enorm tragfähige Rückgrat dieses Buches, auch wenn selbstredend nicht alle in der IMDb gelisteten 125 Filme mit Bruno Ganz berücksichtigt sind.

Da wird wohl jede und jeder bei der Lektüre noch eigene Kinoerinnerungen hochsteigen sehen, bei mir war es etwa die an Markus Fischers Sam-Jaun-Verfilmung Brandnacht von 1992 mit einem wilden Emmentaler-Sekten- und Dorfdekadenzplot, durch den Bruno Ganz irgendwie amüsiert und zugleich benebelt bis trunken hindurchstolpert, souverän, charismatisch und weiss der Teufel warum.
«Schau Spiel Bruno Ganz» ist ein gewichtiger Band, lesbar in einem Zug, aber auch als Lesebuch und Nachschlagewerk auf Dauer angelegt. Und dies nicht zuletzt dank der unüblich reichhaltigen Illustrationen, zu denen auch grosszügig Bruno Ganz’ Lebensgefährtin, die Theaterfotografin Ruth Walz mit ihrem Archiv und ihren Erinnerungen beigetragen hat.
Bruno Ganz (1941–2019) war einer der bedeutendsten Schauspieler Europas und ein Liebling des Publikums. Aus dem Zürcher Arbeiterquartier Seebach führte ihn sein Weg auf die grossen Bühnen des deutschsprachigen Theaters und in über hundert Filmrollen, mit denen er Kinogeschichte schrieb. Am 22. März 2026 wäre der Schauspieler 85 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint das Buch Schau Spiel Bruno Ganz.
Das Filmpodium zeigt vom 20. bis 23. März ein Filmprogramm über Bruno Ganz.
Am Freitag, 20. März, findet um 20:15 Uhr die Buchvernissage mit dem Autor Walter Ruggle und dem Verleger Thomas Kramer statt.

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