DON’T LET THE SUN von Jacqueline Zünd

Jonah (Levan Gelbakhiani) und Nika (Maria Pia Pepe) © filmcoopi

Es ist unerträglich heiss geworden auf der Erde. Die Menschen leben in der Nacht und bleiben auf Distanz zueinander. Selbst Jonah (Levan Gelbakhiani), der davon lebt, für andere die fehlende menschliche Nähe zu spielen, stundenweise präsent als Lover, Partner oder Gefährte, achtet darauf, die Körper seiner Kunden und Kundinnen möglichst nicht zu berühren. Mehr physische Wärme, als sie die Umwelt bietet, will kaum jemand. Und echter emotionaler Kontakt scheint nicht nur unziemlich, sondern nachgerade tabu zu sein.

Cleo (Agnese Claisse) nimmt allerdings ihre neunjährige Tochter Nika (Maria Pia Pepe) auch mal in den Arm, etwa um das schlafende Mädchen vom Sofa ins Bett zu tragen, als der Tag anbricht. Und sie heuert Jonah an, um Nika stundenweise den fehlenden Vater zu ersetzen. Ein Spiel, das die aufgeweckte Kleine zunächst eher ihrer Mutter zuliebe mitspielt, mit klarer Ansage an Jonah: «Ich brauche keinen Vater».

Jacqueline Zünd hat sich einen Namen gemacht mit unglaublich sorgfältig inszenierten und gestalteten, thematisch-philosophischen Dokumentarfilmen, etwa Goodnight Nobody (2010), Almost There (2016) oder Where We Belong (2019). Ihre dokumentarische Methode umfasste jeweils ausgesuchte ruhige Einstellungen auf Distanz, oft zentrale Perspektiven, ausgeklügelte Licht- und Farbgestaltung und vor allem eine fast schon hypnotisch wirkende Mischung aus Zurückhaltung und Nähe, nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit einer zugeneigten, unaufdringlichen, unvoyeuristischen Geduld.

Jonah (Levan Gelbakhiani) und Nika (Maria Pia Pepe) © filmcoopi

Für ihren ersten Spielfilm hat sie nun ebenfalls auf ihre dokumentarischen (Stil-) Mittel zurückgegriffen: Spezifisch und akribisch ausgesuchte internationale Schauplätze (einen Wohnkomplex des italienischen Architekten Aldo Rossi in Mailand, eine Sozialwohnanlage in Genua oder die Strassenschluchten von Sao Paulo), immer wieder fixe zentrale Einstellungen welche Annäherung auf Distanz ermöglichen (perfekt für die Stimmung der Figuren des Films), farbliche und räumliche Kontraste (begünstigt von der brutalistischen Architektur) und die Bildgestaltung von Nikolai von Graevenitz, mit dem sie für alle ihre Dokumentarfilme gearbeitet hat.

Für das Drehbuch und die meist sparsamen englischen Dialoge hat sie mit Arne Kohlweyer zusammengespannt, unter anderem Co-Autor von Johanna Moders Mother’s Baby, einer weiteren gegenwärtigen, nicht so weit von unserer Realität entfernten Dystopie mit vorwiegend weiblicher Perspektive.

Nika (Maria Pia Pepe) © filmcoopi

Ausgegangen ist Jacqueline Zünd von den mietbaren Familienangehörigen, welche sie während der Dreharbeiten zu Almost There in Japan entdeckte:

In einer zunehmend isolierten wie fragmentierten Gesellschaft können diese menschlichen Interaktionen auf Bestellung empfundene Leerstellen füllen. Und dies ohne drohende Verluste. Dieses japanische Kuriosum liess mich zunehmend darüber nachdenken, wie sich menschliche Beziehungen verändern und wie sie beeinflusst sind von äusseren Zuständen. Ich begann, darin einen perfekten Rahmen für ein Drama zu sehen, das in unserem Kulturkreis spielt.

Dass Zünds Entdeckung in Japan bereits zehn Jahre zurückliegt, hat dazu geführt, dass unterdessen auch andere das Potential entdeckt und ebenfalls letztes Jahr auf die Leinwand gebracht haben, etwa die Japanerin Hikari mit ihrer ziemlich erfolgreichen Tragikomödie Rental Family mit Brendan Fraser.

Jacqueline Zünd geht allerdings anders um mit der Grundkonstellation, auch wenn bei ihr ebenfalls der Schauspieler die eigentlich tragische Figur ist, mehr als die Menschen, welche seine Dienste in Anspruch nehmen.

Jonah (Levan Gelbakhiani) © filmcoopi

Jonah, der Distanz-Profi, ist der Natürlichkeit und Direktheit der neunjährigen Nika nicht gewachsen. Gerade weil das Mädchen in aller Klarheit erkennt, wie das Spiel läuft und schliesslich ihrerseits die emotionalen Barrieren Jonahs zu unterlaufen beginnt.

Dabei setzen Zünd und Kohlweyer auf reduzierte Momente und sparsam eingesetzte Fragen sowie ausweichende Antworten. Gleichzeitig ist der Film ein Wunderland metaphorisch-symbolischer Andeutungen. Ein Laden mit lebenden Eulen spiegelt die distanzierte Nähe als Projektion. Die Tiere lassen sich allenfalls streicheln, aber ob sie die Berührung bloss dulden oder tatsächlich geniessen, bleibt offen.

Architektur als Heldenreise © filmcoopi

Ganz ähnlich funktioniert das bizarre Abendritual, welches Jonah und weitere Bewohnerinnen und Bewohner seines Wohnkomplexes regelmässig durchführen: Mit nacktem Oberkörper springen sich jeweils zwei Menschen frontal an; im Sprung klatscht Brust an Brust, Körperkontakt für Sekundenbruchteile, getarnt als rituelle Aggression, das erinnert nicht von ungefähr an den einschlägigen Klassiker Fight Club.

Und bei aller gestalterischen Abstraktion, der zeitweiligen Strenge ihrer Bilder, bezieht sich Jacqueline Zünd auch ganz grundsätzlich auf die Wirkungsmacht des populären Kinos. So erinnern etliche Figuren- und Bildkonstellationen an Steven Spielbergs A.I. von 2001, und einzelne Momente zwischen dem Mädchen und dem professionell distanzierten Mann an ähnlich gelagerte Szenen zwischen Natalie Portman und Jean Reno in Luc Bessons Léon von 1994, wenn auch dankenswerterweise ohne dessen pädosexuell aufgeladene Atmosphäre.

OBEN: Jude Law und Haley Joel Osment in ‚A.I. Artificial Intelligence‘ (2001)
UNTEN: Levan Gelbakhiani und Maria Pia Pepe in ‚Don’t let the Sun‘

Montage © sennhauser

Überhaupt gibt sich Don’t let the Sun vordergründig humorloser, als der Film und seine MacherInnen im Hintergrund tatsächlich agieren. So wird im Abspann Zünds Lebenspartner als Universal Soldier verdankt und wer ihn kennt, kann nicht umhin, den an einer eher unwahrscheinlichen Stelle im Film fallenden Satz «See you next Wednesday» als Referenz an den entsprechenden Running Gag im Oeuvre von John Landis zu sehen. Aber das ist vielleicht auch bloss mein spekulatives Wunschdenken.

Denn in Wirkung und Ausführung ist dieser Spielfilmerstling der gestaltungssicheren Dokumentarfilmerin tatsächlich herzzerreissend, berührend und bisweilen sanft verstörend, und dies alles mit Distanz, Abstand, Zurückhaltung. Ein Kunststück.

Kinostart am 19. März 2026
Spielorte und -Zeiten


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.