
Isabelle Huppert ist selbst dann hypnotisch auf der Leinwand, wenn sie – wie in diesem Film – mehrheitlich auf Autopilot durch die Szenen segelt. Ihre etablierte Mischung aus emotionaler Permafrostigkeit und kurzfristig angeknipstem Feuer passt schliesslich bestens zu dieser Marianne Farrère, welche sie hier verkörpert. Denn die ist ohne viel Verfremdung direkt der «L’Oréal»-Erbin Liliane Bettencourt nachempfunden.
Ihr gegenüber chargiert der einstige Star der Comédie-Française, Laurent Lafitte, in der Rolle des Fotografen Pierre-Alain Fantin, seinerseits ein direkter Abklatsch des realen Fotografen und Bettencourt-Profiteurs François-Marie Banier.

Thierry Klifa inszeniert grosse, bühnenartig organisierte Szenen im Anwesen der Familie Farrère, in einer Art dezent französischer Version einschlägiger Serien-Dramen aus der Welt der dekadenten Reichen. Da stehen sich Konzern-Erbin Marianne, ihr heimlich schwuler Spitzenpolitiker-Gatte Guy (André Marcon), ihre mausige Tochter Frédérique (Marina Foïs), deren Gatte Jean-Marc Spielman (Mathieu Demy), oder der loyale und diskrete Butler Jérôme (Raphaël Personnaz) in eingespielter Höflichkeit und Hackordnung gegenüber. Bis der vulgär-provokative Fantin in diese geordnete Welt einbricht, Marianne bezirzt, belebt, betört und den Rest des Gefüges nonchalant und offen gegeneinander ausspielt.
Klifa bettet die Szenen als Rückblenden in eine Rahmenhandlung ein, die mit der Verhaftung des Fotografen beginnt und fortwährend die einzelnen Familienmitglieder und Nebenfiguren im Verhör ihre rückblickende Sicht der Dinge einbringen lässt.

Eigentlich ist da viel Potential vorhanden. Die Verstrickungen der Familie in eine antisemitische und faschistische Vergangenheit, die Seilschaften mit mächtigen Politikern (im Film Mitterand, in der Realität wohl auch Sarkozy). Und einiges davon bringt Thierry Klifa auch durchaus zum Klingen, etwa das komplexe Verhältnis von Mutter und Tochter, die sich einen gnadenlosen juristischen Kampf liefern und sich gleichzeitig dem Wunsch nach gegenseitiger Nähe und Liebe nicht entziehen können.
Allerdings funktioniert die Paarung von Isabelle Hupperts eisiger Disziplin mit der barock-leidenschaftlichen Rücksichtslosigkeit und Egomanie, die Lafitte seiner Figur einschreibt, nur in wenigen Momenten. Meist verpufft der Kontrast in dem Moment, in dem Hupperts Marianne mit verliebt-verblüfftem Kichern auf Fantins Provokationen reagiert. In einem subtileren Film hätte diese Fallhöhe zwischen den Figuren eine interessante Reibung ergeben können. In Klifas mechanischer Gegenüberstellung wird allerdings in fast jeder dieser Szenen die eine oder die andere Figur verraten.

Es gibt durchaus berührende Momente und Szenen. Zu diesen gehört auch ein Besuch in einem Schwulenklub, zu dem Fantin Marianne mitnimmt. Er stellt ihr dort die Klassenaussteigerin Betsy vor, und deren Darstellerin Anne Brochet (vor 36 Jahren die Angebetete von Depardieus Cyrano de Bergerac) singt überraschend und stilistisch abweichend vom restlichen Film ein sehnsüchtig-nostalgisches Chanson (‘De vapeur et de fumée’, für den Film getextet und vertont von Alex Beaupain, der auch den restlichen Score verantwortet).

Gelungen sind auch die Szenen, in denen die vertraute Nähe und Liebe zwischen Marianne und Gatte Guy aufblitzt, oder der Moment, in dem dieser auf dem Sterbebett die Tochter beschwört, Mariannes Glück mit Fantin doch einfach zuzulassen.
Aber alles in allem bringt Thierry Klifa die unterschiedlichen Tonalitäten seines Films nicht zu einer funktionierenden Synthese. Der Versuch, comédie humaine mit Drama und Satire zu verbinden, bleibt unbefriedigend. Da zeigt sich eine überraschende Verwandtschaft dieses Films mit Emerald Fennels Saltburn von 2023, bei dem die übersteigerte Satire in Kombination mit punktuell schmerzlich menschlicher Wahrhaftigkeit am Ende ein ähnliches Gefühl von schulterzuckender Distanz erzeugt.
Im Kino ab 19. März 2026
Spielzeiten und -Orte
Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

