MEETING GÖTZ von Gregor Centner & Birgit Bergmann

Sie hätten sich mit ihrem Protagonisten darauf geeinigt, dass er bei dieser Premiere an der Diagonale in Graz nicht dabei sein sollte, erklärten die Filmemacher Gregor Centner und Birgit Bergmann gestern Abend im Kino KIZ Royal. Schliesslich sei es darum gegangen, den Film, an dem sie über sechs Jahre gearbeitet hatten, zu zeigen und darüber in Ruhe mit dem Publikum reden zu können.

Das wäre schwierig geworden, wenn es in Graz an dem Tag zu Protestaktionen gegen die Einladung von Götz Kubitschek gekommen wäre. Und damit war zu rechnen. Denn der rechtsextreme Kubitschek gehört zu den Vordenkern der deutschen Identitären und ist damit auch einer der ideologischen Co-Architekten der AfD.

Vor mehr als sechs Jahren hat der in Ravensburg aufgewachsene, heute in Österreich lebende Centner Kubitschek über die Zusendung eines Diktaphons, leerer Kassetten und einer eigenen Aufnahme kontaktiert und ihm vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen. Ausgehend von der gemeinsamen Schulzeit der beiden in Ravensburg.

Centner, der sich selbst als links-liberal einordnet, hatte sich selber die Aufgabe gestellt, mit der Gegenseite für einmal zu reden. Und Kubitschek hat sich darauf eingelassen. Die Zusage kam wie gewünscht als Audioaufnahme per Post, mit dem überraschend sachdienlichen Hinweis an Centner, dass es wohl schwierig werden würde, so einen Dokumentarfilm mit öffentlichen Fördergeldern zu produzieren.

Nun war wohl die Finanzierung das kleinste Problem für Centner und Bergmann. Denn beiden war schon bei Projektstart klar: Mit Rechten reden… das tut man nicht. Man gibt den Extremisten keine Plattform. Man hilft ihnen nicht, sich gesellschaftlich zu normalisieren. Gerade darum nicht, weil es unterdessen Mainstream geworden sei, wie eine empörte Premierenbesucherin gestern in Graz im Anschluss an die Filmvorführung bemerkte: «Jede schlechtere Talkshow lädt unterdessen Rechtsextreme ein und lässt sie reden».

Tatsächlich sind die von Gregor Centner eigenhändig gefilmten Begegnungen mit Götz Kubitschek sehr zivilisiert, friedlich, getragen von den gemeinsamen Erinnerungen an die Kindheit im gleichen Dorf, die gemeinsame Zeit am Gymnasium. Und in fast allen Szenen erklärt Kubitschek sich und seine Ideologie, sein Vorgehen, seine Entwicklung rational, klarsichtig, ruhig und überlegt. Und er lässt sich auf die Gegenpositionen von Centner ein.

So sehr, dass es dann fast wie ein Schock wirkt, wenn der gleiche Kubitschek ausgerechnet in seinem eigenen Verlag, an seinem Arbeitstisch, ins Rudern kommt, als ihn Centner auf seine identitären Vorstellungen anspricht. Ab welcher Generation denn Zugewanderte zu Zugehörigen eines deutschen «Volkes» würden, fragt Centner. Und Kubitschek fällt aus seiner sonst so geschliffenen Argumentation ins unhaltbar Erbärmliche, ohne Logik und historisch haltbare Argumentation – ein verblüffender Moment und letztlich das Kernstück des fertigen Dokumentarfilms.

Die zweite Ebene des Widerspruchs besteht aus den eingeblendeten schriftlichen Argumentationsblöcken aus den Texten von Kubitschek, mit denen die Filmemacher jeweils vom einen Gesprächsblock zum nächsten überleiten. Die sind samt und sonders zugleich argumentativ zweifelhaft, aber auch clever und kühl in ihrer strategischen Binnenlogik. Und gerade darum ebenfalls entlarvend.

Vor einem Jahr hätten sie das Filmprojekt nach sechs Jahren Arbeit eigentlich endgültig in die Schublade versenkt, erzählte Birgit Bergmann im Anschluss an die Premiere gestern. Sie seien zum Schluss gekommen, dass sie gescheitert seien an einer adäquaten Aufbereitung des Materials. Und paradoxerweise habe gerade dieses Loslassen dazu geführt, dass sie es ein paar Monate später doch noch probiert hätten – ohne den langjährigen Druck.

Es hat sich gelohnt. Meeting Götz ist das Gegenteil all dieser «mit Rechten reden»-Talkshows. Das ist ein Dokumentarfilm, der sich seinem Protagonisten mit Neugier, Offenheit und trotzdem einer klaren Haltung annähert. Wenn Kubitschek selbst das für sich und seine Ideologie als Erfolg wertet, die Uraufführung an der Diagonale als Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung, dann ist das – aus seiner Warte – nur logisch. Für mich und wohl für den grössten Teil des Publikums gestern leistet dieser Dokumentarfilm allerdings klar das Gegenteil. Er macht sichtbar und verständlich, wie Intelligenz und Ideologie sich verbiegen lassen, bis die Sätze richtig klingen. Solange sie im eigenen Echoraum bleiben.

Meeting Götz ist ein hartes Stück Arbeit, aber auch ein durchdachter und gut gebauter Augenöffner.

An der Diagonale noch einmal zu sehen am Samstag, 21.03.26 um 13:15 Uhr, Annenhof Kino 5


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