HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir

Kurt Hirschfeld mit Max Frisch © dschoint ventschr

Eigentlich bedarf es keiner Rechtfertigung, um einen Dokumentarfilm über einen Menschen wie Kurt Hirschfeld zu machen. Der langjährige Chefdramaturg und Direktor des Schauspielhauses Zürich hat mit seiner Arbeit und seinen Überzeugungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg viele Leben berührt und wohl auch verändert. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Pfauenbühne während der Nazizeit zum wichtigsten deutschsprachigen Theater und zu einem Zufluchtsort für vertriebene und gefährdete Künstlerinnen und Künstler werden konnte. Er hat nach dem Krieg tatkräftig und diplomatisch geholfen, die Schweizer Autoren-Marken Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt international als Stars und Konkurrenten zu etablieren.

Die Umstände allerdings, dass es diesen Film noch nicht gab, und noch mehr die Erkenntnis, dass sich Zürich und die Schweiz so wenig für Kurt Hirschfeld interessierten, dass seine Tochter seinen Nachlass nach New York geben musste, waren für Stina Werenfels und Samir offensichtlich Grund genug, die Arbeit in Angriff zu nehmen. Zumal Ruth Hirschfeld, während Jahrzehnten eine der beiden hauptsächlichen Casting-Agentinnen des Deutschschweizer Films, die perfekte Zeugin und Referentin für das Projekt darstellt.

Kurt Hirschfeld mit Tochter Ruth © dschoint ventschr

Der Film, wie er nun nach vielen Schwierigkeiten, vor allem bei der Finanzierung, seit seiner Premiere an den Solothurner Filmtagen im Januar vorliegt, ist formal ein klassischer Dok, mit Kommentarspur, vielen Interviews mit Zeitzeugen (und historisch bedingt, weniger Zeitzeuginnen) sowie Archivmaterial.

Und doch gibt es Ein- und Glücksfälle, welche Hirschfeld über das formal Erwartbare hinausragen lassen. Da sind einerseits pikante Überraschungen, wie etwa ein polemischer Artikel des jungen Max Frisch, der in der NZZ darüber klagte (sinngemäss), dass die deutschen Emigranten die Pfauenbühne in ein Widerstandsnest gegen Nazideutschland verwandeln würden und damit die schweizerischen Verhältnisse, bzw. die ‘eigenen Angelegenheiten’ zu kurz kämen. Dies vom gleichen Max Frisch, der später zu den engen und regelmässigen Mitarbeitern von Kurt Hirschfeld wurde – und der einen guten Teil seines Rufes Hirschfelds dramaturgischer Förderung verdanken dürfte.

Ruth Hirschfeld © dschoint ventschr

Aber der zentrale Glücksfall des Projektes ist klar Hirschfelds Tochter Ruth. Gerade weil von ihrem Vater so gut wie keine Archivaufnahmen existieren, bringt sie den Mann über ihre Erinnerungen zurück in unser Leben.

Und gestalterisch gibt es ebenfalls einen wirklich schönen Kunstgriff. Über Ausschnitte der 1964 von Gert Westphal nach Kurt Hirschfelds Originalregie der Uraufführung von 1961 gedrehten Filmfassung von Max Frischs «Andorra» kommentiert der Dokumentarfilm immer wieder Episoden, Konstellationen, Erinnerungen und Aussagen. Die Brücke in unsere Gegenwart schlagen dazu extra beim Schminken in der Garderobe inszenierte Textproben für das Stück mit dem aktuellen Ensemble des Schauspielhauses.

Kurt Hirschfeld mit Tochter Ruht und Oskar Wälterlin © dschoint ventschr

Hirschfeld – unbekannter Bekannter ist ein ausführlich recherchiertes, dokumentiertes und klug in Zusammenhänge eingebettes Stück Zeit- und (Deutsch-) Schweizer-Geschichte das weit über das lokale Interesse hinausweist. Schliesslich greift der Film zurück in eine Zeit, in der Zürich und das Schauspielhaus für viele aus Nazideutschland Vertriebene tatsächlich nicht nur vorläufiger Zufluchtsort war, sondern auch ein Ort für organisierten geistigen Widerstand.

Möglicherweise ist gerade diese internationale historische Dimension mit ein Grund für die Finanzierungsschwierigkeiten, welche das Team schliesslich nur via Crowdfunding und Gratisarbeit einigermassen überwinden konnte. So richtig fertig aufgearbeitet ist die Rolle der Schweiz im und nach dem Zweiten Weltkrieg ja noch immer nicht, allen Kommis­­sionenBerich­ten und künst­leri­schen Anstrengungen zum Trotz. Und die internationale und historische Dimension des Lebens und Wirkens eines einzelnen aus Deutschland geflüchteten Juden allen überkommenene Reflexen zum Trotz zum Dreh- und Angelpunkt für gleich mehrere Epochen unserer Zeitgeschichte zu machen, das braucht Haltung, Überzeugung, Energie und viel Recherche-Fleiss.

Dies alles ist zu spüren in diesem Dokumentarfilm. Dass er nun in seiner weitgehend klassischen Machart auf dem Bildschirm besser funktionieren dürfte als im Kino, könnte sich mittel- und langfristig auch als Trumpf erweisen. Sicher jedenfalls bei Reichweite und Halbwertszeit.

Im Kino ab 26. März 2026
Spielorte und -Zeiten

Spezialvorführungen (nach Mausklick):

Sa, 21.03., 19:30, Cinema Luna, Frauenfeld
Vorpremiere mit dem Regie-Duo, Stina Werenfels und Samir

So, 22.03., 17:00, Kino Gotthard, Zug
Vorpremiere mit dem Regie-Duo, Stina Werenfels und Samir, und Die-Mitte-Nationalrat Gerhard Pfister (tbc)

Sa, 28.03., 12:15, Arthouse Le Paris, Zürich
Lunchkino-Special mit dem Regie-Duo und der Protagonistin Ruth Hirschfeld; Moderation: Salomé Weber

So, 29.03., 12:15, CineMovie, Bern
In Anwesenheit des Regie-Duos und von Felicitas Zürcher (Dramaturgin Bühnen Bern); Moderation: Tristan Jäggi

So, 29.03., 15:30, Kino Rex, Biel
In Anwesenheit des Regie-Duos; Moderation: Tristan Jäggi

Mo, 30.03., 17:30, Kino Kiwi Scala, Schaffhausen
In Anwesenheit des Regie-Duos und von Jens Lampart (Gesamtleiter Stadttheater SH)

Di, 31.03., 20:00, Kinok, St. Gallen
In Anwesenheit des Regie-Duos; Moderation: Rolf Bossart (Publizist und Leiter Institut Gesellschaftswissenschaftliche Bildung Fachbereich Ethik, Religionen, Gemeinschaft

Mi, 01.04., 12:15, Arthouse Le Paris, Zürich
Lunchkino-Special mit dem Regie-Duo und der Protagonistin Ruth Hirschfeld; Moderation: Salomé Weber

Mi, 01.04., 16:30, Stadtkino Basel
In Anwesenheit des Regie-Duos; Moderation: Daniel Binswanger

Do, 02.04., 20:15, Kino Cameo, Winterthur
In Anwesenheit des Regie-Duos; Moderation: Clea Wanner

So, 12.04., 11:00, Kino Wildenmann, Männedorf
In Anwesenheit des Regie-Duos

So, 12.04., 13:45, Stattkino Luzern
In Anwesenheit des Regie-Duos und von Eva Böhmer (Leitende Dramaturgin am Luzerner Theater); Moderation: Peter Leimgruber

Mo, 13.04., 20:00, Lichtspiele, Olten
In Anwesenheit des Regie-Duos

Sa, 18.04., 20:00, Kulturplatz, Davos
In Anwesenheit des Regie-Duos

So, 26.04., 10:45, Kino Sputnik, Liestal
In Anwesenheit des Regie-Duos


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