LICHT, KEIN LICHT von Matthias van Baaren

Die Laborantin (Naemi Latzer) schärft ihren Blick ©Johannes Hoss

Thesen, Analysen und masochistischer Selbsthass: Manchmal ist man versucht, das österreichische Kunstkino auf eine solche Formel herunterzubrechen. Aber das ist einerseits wohl eine Generationenfrage, waren Haneke und Seidl doch über Jahrzehnte hinweg der internationale Goldstandard der Festivaltauglichkeit, andererseits auch einfach ungerecht, wie gerade die die Diagonale Jahr für Jahr beweist.

Wenn dann allerdings doch wieder einmal so ein Exemplar auftaucht, wie heuer Licht, kein Licht, dann fühlt man sich ja fast schon zuhause in diesem grauslich präzisen Labor der menschlichen Unzulänglichkeit. Zumal dieser Film von Matthias van Baaren der Hoffnungslosigkeit nicht nur ein ebenfalls hoffnungslos mechanistisches Justizsystem zur Seite stellt, sondern zumindest noch eine Hauptfigur, welche wenigstens innerlich dagegen ankämpft.

Dabei ist das Konstruktionskonzept schon fast architektonisch klar. Da steht im Zentrum eine junge Frau (Naemi Latzer), deren immer gleicher Alltag mit unterkühlt-gefühlsarmem Ehemann (Lukas Walcher) und unendlich repetitiver Arbeit in einem Labor kürzlich unterbrochen wurde durch ein paar Tage Jury-Dienst in einem aufsehenerregenden Prozess gegen einen mutmasslichen Mörder. Als der Film einsetzt, ist der Prozess bereits vorbei.

Parallel dazu interviewt ein Soziologe für eine grössere Arbeit in mehreren Treffen eine erfahrene Begutachterin, welche für solche Prozesse die Urteilsfähigkeit und psychologische Verfassung der Angeklagten analysiert. Und eben die junge Frau, als exemplarisches Mitglied einer dieser Jurys, welche vom «gesunden Volksverstand» bei solchen Prozessen besonders unter die Lupe genommen werden.

Eine besonders heftige Vertreterin dieses Volksverstandes ist übrigens in diesem Falle die Schwiegermutter der jungen Frau, welche bei den regelmässigen Sonntagsbesuchen ihres Sohnes die Schwie­ger­toch­ter nicht nur mit Fragen drangsaliert, sondern auch bis zum Überdruss (auch des Kinopublikums) mit volkszornmässigen Ergüssen über Kuscheljustiz und allfällige gesunde Eigen­mäch­tig­kei­ten des Volkskörpers, sollte die Berufung des Täters nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung dank Juryentscheid das Urteil doch noch kippen und der Mann womöglich gar freikommen.

Während die Alltagsschiene die Lebensmonotonie und die Einsamkeit der jungen Frau mit nervtötender Repetition gezielt erfahrbar macht, bis hin zum abendlichen gesprächslosen Take-Away-Futtern der Eheleute auf der Couch mit anschliessender mechanischer Triebabfuhr des Mannes im Bett – der Filmtitel bezieht sich übrigens auf die regelmässige Anmerkung der jungen Frau bei der Heimkehr in die Wohnung, dass das Licht im Treppenhaus schon wieder nicht angehe – geben die Interviews des Soziologen recht interessante Einblicke in die Mechanik des Justizapparates und in die Ideen hinter staatlicher Sanktionsgewalt und Gerechtigkeitsherstellung.

Dabei sind die Gespräche mit der Begutachterin offensichtlich akribisch recherchiert und mithin von dokumentarischem Interesse, während der Austausch des Soziologen mit der jungen Frau bei dieser ein sehr eigenständiges und überraschend widerständiges Denken nicht nur offenbart, sondern wohl auch verstärkt. Ihre zunächst verdeckten Akte des Widerstands – so spuckt sie nach dem Zubereiten des Kaffees in die Tassen von Gatte und Schwiegermutter, bevor sie sie aus der Küche in die Stube trägt – werden schliesslich offen, wenn auch nicht weniger kryptisch und gipfeln darin, dass sie ihrem Mann beim Zähneputzen erklärt, sie vergebe ihm. Ohne Antwort auf seine Frage, was sie ihm denn vergebe.

Der Film endet mit einer erwartbaren Überraschung für den Soziologen und das Publikum und es bleibt einem nichts anderes übrig, als van Baaren zu seinem Fleiss, der Präzision und der lückenlos durchkonstruierten Drehbuchmechanik eine gewisse Bewunderung auszusprechen. Das ist Wertarbeit.

Und doch bleibt am Ende die alte Frage: Warum insistieren so viele Filme aus Österreich auf diese kalte bis pessimistische Offenlegung dumpfster menschlicher Vegetation? Die klassische Antwort auf die Frage verweist nach ein paar Kurven immer wieder auf die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit des Landes, welche über Generationen hinweg dieses kollektive Unbehagen über die Leichen im Keller am Leben hält.

Da hat dieser Film mit seiner Insistenz auf die genauere Betrachtung staatlicher Sanktions- und Gerechtigkeitsgewalt dann allerdings einen neuen Fuss in der Tür und lässt einen überraschenden Lichtstrahl in den Keller fallen.


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