
Das dreckige Dutzend der wütenden Arbeitslosen schlägt zurück, in dieser erstaunlich entschlossenen und bisweilen urkomischen österreichischen Satire. Was in der Schweiz das RAV ist, die regionale Arbeitsvermittlung, das ist in Österreich der Arbeitsmarktservice AMS. Eine Institution mit politischer Funktion, zur Beruhigung des Volkszorns und zur Steuerung der Statistik.
Ähnlich wie seinerzeit Die Schweizermacher, in Rolf Lyssys helvetischer Sozialsatire, agieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des neoliberal privatisierten «Arbeitsmatchingservices AMS» im zeitgenössischen Wien dieses eben so verschmitzten wie ehrlich empörten Films, der gestern an der Diagonale seine Weltpremiere hatte: Es gibt ein paar Anständige darunter, und ein paar Karrieregetriebene.
Allen voran die skrupellos auf Aufstieg getrimmte Kathi Kratochvil (grossartig hassenswert: Marie-Luise Stockinger), welche ihr Bonuspunktekonto über effizientes Ausmustern und Sperren ihrer arbeitslosen Klientel zu füllen sucht.

Allerdings hat Kathi nicht mit der 58jährigen Marie Wotruba (Margarete Tiesel) gerechnet, der effizienten, ehrlichen und findigen ehemaligen Arztpraxis-Vorzimmerdame, welche sich mit der Pensionierung ihres Doktors plötzlich arbeitslos wiederfand, ihrer reichen Erfahrung und Organisationstalente zum Trotz ohne vermittelbar verbriefte Fähigkeiten.
Nach den ersten surrealen Begegnungen mit einzelnen eher mechanisch agierenden AMS-Angestellten reagiert Marie bisweilen etwas ungehalten auf Zumutungen wie etwa die gedankenlos ab Fragebogen abgelesene Frage, wie sie es denn mit einem allfälligen Kinderwunsch habe. Oder auf die kollektive Verbannung einer ganzen Gruppe in den Awareness-Einsteigerkurs beim fremdenfeindlichen Nazibrüller und Klangschalenklingler unter gleichzeitiger Sperrung aller Arbeitslosengelder.
Die erste Hälfte von AMS ist eine rasante, bisweilen etwas überladene, kafkaeske Amtssatire, welche die Auswüchse neoliberalen Effizienzdenkens in ihrer ganzen menschenverachtenden Automatik präzise und nachvollziehbar durchspielt, auch mit Hilfe einiger monopolyartiger Brettspielbeispiele, welche verdeutlichen, gegen welche Kräfte und Ideen die einzelnen Arbeitslosen anzutreten haben.
Das ist wohltuend empörend, nachvollziehbar logisch und nicht komplett an der Realität vorbei erzählt. Vor allem aber bereitet das alles den Grund vor, für den eigentlichen The Dirty Dozen-Plot, der danach ins Rollen kommt. Denn die verzweifelte Marie schweisst ihre Leidensgenossinnen und Leidensgenossen zu einer verschworenen Truppe zusammen, die – alle für eine – beschliesst, wenigsten einer von ihnen zu ihrer Traumausbildung als Polizistin zu verhelfen und dabei der verhassten Kratochvil den Aufstieg zur Bereichsleiterin zu vermasseln.

Sebastian Brauneis und sein blendend aufgelegtes Ensemble von Charakterdarstellerinnen stürzen sich ohne Rücksicht auf Verluste in diesen martialisch verschwörerischen Plot. Gleichzeitig gelingen immer wieder die realistisch herzzerbrechenden Momente, welche die Motivation des Publikums auf Hundert halten.
AMS – Arbeit muss sein ist eine satirische Volkskomödie, ein heimlifeiss entlarvendes Stück Agitprop ohne Argwohn und systemische Bösartigkeit. Die Versöhnlichkeit, mit dem Verweis auf Anstand und Ehrlichkeit, welche auch in einem menschenverachtend pervertierten Apparat möglich sein können, ist ein Aufsteller, der wohl trotz der spezifisch österreichischen Ausrichtung auch andernorts auf ein vergnügtes und dankbares Publikum stossen dürfte. Sind doch die sozialen und politischen Verhältnisse in ganz Europa ähnlich angelegt.
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