
Hat mich die satirische Komödie AMS – Arbeit muss sein hier an der Diagonale an den helvetischen Klassiker Die Schweizermacher erinnert, so ruft Harald Friedls vorgestern uraufgeführter Dokumentarfilm Wahlkampf das Echo eines anderen Schweizer Evergreens wieder auf: Mais im Bundeshuus von 2003.
Der stammt zwar aus politisch komplett anderen Zeiten und illustriert vor allem die parlamentarische Arbeit. Aber mit dem Fokus auf einzelne Figuren, insbesondere die Baselbieter Grüne Maya Graf, schuf Jean-Stéphane Bron damals einen niederschwelligen, sympathischen und ziemlich hellsichtigen Einblick in die Mechanik der Alltagspolitik.
Friedls Wahlkampf schafft mit seiner Direct Cinéma-Methode etwas Vergleichbares für die österreichische (und damit auch europäische) Gegenwart, indem er den Wahlkampf des damaligen krassen Aussenseiters und SPÖ-Spitzenkandidaten Andreas Babler während der letzten Nationalratswahlen von 2024 dokumentiert.
Heute ist Andreas ‘Andi’ Babler nach endlosen Koalitionsverhandlungen Vizekanzler der Republik Österreich, und Friedls Dokumentarfilm setzt darum auch mit einer hinreissenden Szene ein, in der Bablers Frau im Auto auf der Fahrt zur Vereidigung ihres Mannes feststellt, dass bei ihm eine Hosennaht geplatzt ist. Dann folgen Rückblenden in mehreren Schritten bis zu dem Tag, an dem Friedls Team die Langzeitbeobachtung seinerzeit aufgenommen hatte.

Babler steht zwar im Zentrum, aber Subjekt des Dokumentarfilms ist letztlich sein ziemlich junges und ziemlich idealistisches Team und die tausenden von neuen Parteimitgliedern, die damals spontan der SPÖ beigetreten sind, um den einstigen Bürgermeister der Stadtgemeinde Traiskirchen in seinem Kampf um den Parteivorsitz der völlig zerrissenen SPÖ zu unterstützen.
Nicht nur das Parteiestablishment hielt den linkspopulistischen, auf «Herz und Hirn» pochenden, ausgesprochen sozial argumentierenden Neuling für naiv, auch erfahrene Politjournalisten meinten, der habe sich mehr vorgenommen, als er würde liefern können. Was schliesslich zumindest in Teilen auch zutraf.
Und genau das macht diesen Film so faszinierend. Denn die Energie nicht nur Bablers, sondern seines ganzen Teams mit den vielen Grassroots-Helferinnen und -Helfern ist den ganzen Film über spürbar in einer faszinierenden Wellenbewegung.

Das beginnt mit der überraschenden Wahl Bablers zum Parteivorsitzenden, jenem Moment, in dem seine eigenen Leute, die selbst nicht an die Möglichkeit geglaubt hatten, plötzlich erkannten: Jetzt müssen wir alle liefern, Erfolg verpflichtet.
Und es geht weiter mit dem stetig fortschreitenden Zermürbungsprozess, der Erkenntnis, dass Idealismus zwar eine Kraft verleiht, die Realität aber Kompromisse verlangt. Und da fallen die Beispiele in Serie an. Wordings müssen abgestimmt werden, Babler muss Stellung nehmen zu einem parteiinternen Korruptionsskandal, seine Kommunikationschefin beschwört ihn bei einer Sitzung, das angeschnittene Thema der «Staatsbeteiligung» genannten Wirtschaftsgeldsprechungen lieber klein zu halten, weil die Medien und die Gegner von den anderen Parteien das sofort wieder als «Rückverstaatlichung» brandmarken würden.
Babler kommt mit der Idee, seine Wahlkampftournee im gemieteten Wohnmobil zu absolvieren, was sowohl seine Frau wie auch das Team mit innerlichem Augenrollen quittieren, aber er setzt sich durch.
Friedls Film funktioniert darum hervorragend, weil er nicht auf biegen und brechen im us-amerikanischen Stil einen Erzählbogen als erfolgreiche Heldenreise herstellt, sondern die Rückschläge, Teilerfolge, Kompromisse und Durststrecken als Hintergrund für den immer wieder spürbaren Idealismus und die Energie von Babler und insbesondere seinen Leuten zu eigentlichen Emotionsverstärkern macht.
Wahlkampf ist keine fünfaktiges Dokudrama mit Einstieg, Durchstieg, Katastrophe, Katharsis und Triumph, sondern das mitreissende Protokoll eines langen, heftigen, ermüdenden und schliesslich ernüchternden Team-Efforts dessen wichtigste Errungenschaft am Ende die vorläufige Verhinderung der Rechtsextremen Auswüchse über viele, darunter auch faule, Kompromisse darstellt.
Und damit ein realistisches, aber zugleich ermutigendes Zeugnis der Geduld und der Beharrlichkeit. Beziehungsweise die positive Ummünzung dessen, was ein Politbeobachter und Parteienkenner einst der Kommunikationschefin Bablers erklärte: Sie würden mit ihren idealistischen Leuten nie ans Ziel kommen, weil denen der wichtigste Karriere-Impetus fehle, der unbedingte Wille, persönlich voran zu kommen. Und das ist schon was.
In Österreich kommt der Film ab 24. April 2026 ins Kino.
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