EL MUNDO AL REVÉS von Agostina Di Luciano und Leon Schwitter

© Sister Distribution

Je weniger ich Ihnen über diesen Film verrate, desto besser dürfte er funktionieren. Theoretisch. Denn die Crux ist ja, dass Sie dann wiederum wahrscheinlich lieber eine andere Katze, eine ohne Sack, kaufen würden.

Idealerweise passiert einem El mundo al revés an einem Festival wie den Visions du réel in Nyon, wo er vor knapp einem Jahr seine Uraufführung hatte. Da stimmen die Neugier und der Rahmen (Dokumentarfilm) und vielleicht ein kleiner Hinweis im Programmheft, dass die umgekehrte Welt dieses Films etwas speziell sei.

Jeder weitere Wink könnte Erwartungen wecken, die dann enttäuscht würden. Das liegt an der Art und Weise, in der El mundo al revés entstanden ist: Mehr oder weniger dokumentarisch gefilmt, mit Laiendarstellern, die sich selbst und ihre Lebensumstände verkörpern, weitgehend von Tag zu Tag improvisiert, mit einem Blick auf die Erzählungen und Geschichten, welche so eine Gemeinschaft, in diesem Fall in einem kleinen Ort in Argentinien, über Generationen prägen. Und mit ein paar entscheidend unspektakulär fiktiven Handlungs-Schubsern.

© Sister Distribution

Agostina di Luciano kam in Buenos Aires zur Welt und studiert in Zürich Theaterpädagogik. Leon Schwitter stammt aus Lenzburg, hat an der ZHdK Film studiert und ist Teil der jungen Produktionsgemeinschaft Sabotage Kollektiv, welche unter anderem I Love You I Leave You hervorgebracht hat.

Das Kollektiv sucht nicht nur neue Möglichkeiten, um Filme zu machen. Sie bemühen sich auch, wenigstens teilweise aus dem zermürbenden Teufelskreis von Eingaben, Abwarten, Enttäuschungen und Finanzierungshürden auszubrechen:

Filmemachen wird vielfach nur noch mit Geld praktiziert. Viele junge Filmschaffende wollen ihre Projekte machen, unterlassen dies jedoch, da sie die Finanzierung nicht zustande kriegen. Gleichzeitig existiert auch das Vorurteil, dass Filme ohne Budget Amateurfilme sein müssen. ‚El mundo al revés‘ entstand unter dem Paradigma, dass wir nun entweder mehrere Jahre versuchen könnten, den Film irgendwie zu finanzieren – was durch die internationale Koproduktion Argentinien-Schweiz bürokratisch eine Odyssee geworden wäre – oder, eine Kamera in die Hand zu nehmen und den Film zu zweit (manchmal zu dritt) einfach zu machen. Wir entschieden uns für Letzteres und begannen, vor Ort Menschen zu treffen und dann Tag für Tag neue Szenen zu drehen. Ein Prozess in kompletter Freiheit, ohne Licht und anderen technischen Schnickschnack, der Fokus lag auf den Menschen, ihren Geschichten und den Bildern, die sich dafür Tag für Tag neu finden mussten.

So wirkt El mundo al revés denn auch: Verwurzelt im Alltag von Menschen, die sich kennen, ihren Rhythmus haben, ihre Beziehungen und Gewohnheiten. Männer und Frauen und Kinder, welche sich nicht zuletzt über Erzählungen und Erinnerungen von Generation zu Generation definieren, sei das die Geschichte vom verbrannten Esel des Grossvaters, oder jene der Villenbesitzer aus Buenos Aires, die nie ins Bild kommen, sondern nur bisweilen in den Ton, über ominös banale Sprachnachrichten.

Als Menschen machen wir aus allem eine Geschichte, das ist eine der wenigen funktionierenden Methoden, gemeinsam mit der Welt umzugehen und nicht alles alleine erkunden und verstehen zu müssen. Mehr vermittelt dieser hybride kleine Dokumentarfilm eigentlich nicht. Aber auch nicht weniger.

Im Kino ab 26. März 2026
Spielorte und -Zeiten
Spezialvorstellungen mit dem Team


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.