DJ AHMET von Georgi M. Unkovski

DJ Ahmet und seine Techno-Herde © trigon

Der Charme von Georgi Unkovskis erstem Langspielfilm liegt in seinen Kontrasten, im Umstand, dass da einiges nicht zusammenpassen darf – aber möchte.

Da ist die patriarchal geprägte Schafzüchterwelt in Nordmazedonien, in der der kleine Naim nach dem Tod seiner Mutter aufgehört hat, zu sprechen. Und da ist sein fünfzehnjähriger Bruder Ahmet, der Musik liebt, Pop und Techno, und über sein Mobiltelefon und Tiktok an der sehr gegenwärtigen Welt jenseits von Schafmist und Traktoren teilnimmt. Bis ihn sein Vater aus der Schule nimmt, damit er sich um den Hof und die zwanzig Schafe kümmern kann, während der Vater mit Naim immer wieder zum Quacksalber fährt, der dem Jungen das Sprechen wieder eintreiben soll.

Für Ahmet ist das niederschmetternd. Einerseits, weil er seinen kleinen Bruder liebt und überzeugt ist, dass dieser von sich aus wieder sprechen wird, wenn er dazu bereit ist. Andererseits, weil er nun definitiv festsitzt in der väterlichen Enge und Strenge.

Bis er in einer schlaflosen Nacht tief im Wald auf eine pulsierende Technoparty stösst, mittendrin, wie eine Erscheinung aus der Welt der Tiktok-Elfen, die aus Deutschland zurückgekehrte Nachbarstochter Aya. Während sich Ahmet noch selig im Rhythmus wiegt, trampelt seine kleine Schafherde, die ihm aus unerfindlichen Gründen gefolgt ist, mitten durch die Raver, welche mit gezückten Mobiltelefonen den jungen Hirten und seine Schafe zu einer lokalen Social-Media-Sensation machen.

Naim (Agush Agushev) und Ahmet (Arif Jakup) © trigon

Zum Kontrast zwischen Techno, Socialmedia, Freiheit und traditioneller ländlicher Enge gesellen sich die filmischen Kontraste, welche Unkovski gezielt und geschickt einsetzt.

Er filmt Landschaft und Leute zunächst so, dass der Film an die eher ethnografisch geprägten Filme, etwa aus Anatolien, der 1980er Jahre erinnert, mit diesem auf Ursprünglichkeit getrimmten Blick, bloss, um gleich darauf mit Freeze Frames, Jump Cuts, Zooms, Weitwinkelaufnahmen oder kurios fixierter Zentralperspektive von der Nase des fahrenden Traktors auf Ahmet die Stilmittel moderner Videoclips auf die Leinwand zu ballern, untermalt von vielfältig aufgepeppter, folkloristisch unterfütterter, aber klar zeitgenössisch geprägter Musik.

Aya (Dora Akan Zlatanova) und Ahmet (Arif Jakup) © trigon

Das erzeugt, zusätzlich zum Gefühl, mitten in einem kinematografischen Zeitportal zu hängen, eine verschmitzte Gegenwärtigkeit, welche dann wiederum den retrograden Plotelementen auf die Sprünge hilft. Denn auch auf der Storyebene spielt Unkovski mit dem Kontrast zwischen konservativ-reaktionären Elementen und gegenwärtig-zweifelhafter Segnungen zivilisatorischer Modernisierung.

Da ist etwa die hübsche Aya, welche von ihrer Familie ganz traditionell zwangsverheiratet werden soll, an einen Mann, den sie nicht kennt, über den Deal zwischen den Vätern. Dagegen wehrt sie sich mit dem Einstudieren einer Tiktok-Tanzroutine, welche sie am kommenden Volksfestival gesellschaftlich so unmöglich machen soll, dass die Hochzeit platzt. Und der längst verliebte Ahmet hilft ihr dabei.

Aya (Dora Akan Zlatanova) und ihre Freundinnen © trigon

Während Aya mit ihren Freundinnen brav in traditioneller Tracht Fussball spielt oder Tanzsequenzen probt, holt sie den verdatterten Ahmet zu einem ersten Date in Lederjacke auf dem Motorrad ab.

Und der wiederum wird vom lokalen Imam nicht nur als IT-Helfer eingespannt, um etwa eine Facebook-Sperrung aufzuheben. Ahmet ist auch dabei, als der Hodscha die Lautsprecher auf dem Minarett mit einem PC verbinden lässt, um seine Stundenrufe künftig ab Festplatte laufen lassen zu können. Was unter anderem zu einer hinreissenden Szene führt, in welcher über das abendliche Dorf hinweg der Windows-XP-Startup-Sound erschallt, gefolgt von ein paar Stossseufzern des vom Fortschritt hypnotisierten Imams.

Schaf © trigon

Nicht alles geht auf in diesem Film. Da taucht etwa das verlorene zwanzigste Schaf leuchtend pink gefärbt wieder auf. Der strenge Vater von Ahmet und Naim entdeckt seine zuvor schmerzlich fehlende emotionale Intelligenz ausgerechnet im Moment der dörflichen Eskalation, und Nayma bleibt als Figur auch eher funktional statt abgerundet.

Aber DJ Ahmet lebt auch nicht in erster Linie von seiner zwischen psychologischer Zugewandtheit und eher plotmässig zugeschriebenen Figurendynamik, sondern von all seinen augenzwinkernd eingesetzten kontrastierenden Stilmitteln. Denn darin liegt, neben der spürbaren Menschlichkeit auf allen Ebenen, der eigentliche, unwiderstehliche Charme einer filmischen Erzählung, welche sich über die frugal-nostalgische Kargheit genau so amüsiert wie über den strapazierten Einsatz des multimedialen Overkills gegenwärtiger Social-Media-Ästhetik.

Im Kino ab 2. April 2026
Spielorte und -Zeiten

Vorpremieren mit Regisseur:

Sonntag, 29. März | 21:00 Uhr | Riffraff, Zürich | Sneaky Sunday
Montag, 30. März | 12:15 Uhr | Arthouse Le Paris, Zürich
Montag, 30. März | 18:00 Uhr | Kino Rex, Bern

 


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