
Wenn es so etwas wie eine sanfte Explosion gäbe, wäre dieser Dokumentarfilm ein Beispiel dafür. Da schweben Ideen und Bilder, Analysen und Beziehungen, Kunst und Gefühle vom ersten Bild an wie Staubteilchen in einem Lichtstrahl, ordnen sich, rufen Wörter und Bücher und Menschen in Erinnerung und verschwinden, ohne aufzuhören. Man spürt sofort und durchgehend, dass Sabine Lidl mit der Welt von Siri Hustvedt vertraut ist, spätestens seit der Entstehung ihres ARTE-Dokumentarfilms über Hustvedts Ehemann Paul Auster.
Das fast unmerkliche Verweben biografischer Elemente mit den Texten und Romanen von Siri Hustvedt, die Momente, in denen sie sich an ihre Kindheit oder ihre Eltern erinnert, gespiegelt in Szenen mit ihren drei Schwestern, Fotografien aus der Zeit in Minnesota oder auch den liebevollen Ergänzungen des in den Clan eingeheirateten New Yorkers Paul Auster (in Szenen, die vor seinem Tod im April 2024 gefilmt wurden, im Wissen um seine Erkrankung) sorgt für eine zunehmend mitreissende Strömung, die sich doch immer wie ein sanfter Sog anfühlt.

Die Krankheit und der Tod ihres «Lebensmenschen», mit dem Siri Hustvedt vierzig Jahre zusammen verbracht hat, hängt mit einer überraschenden Leichtigkeit über dem ganzen Film, ohne die Trauer im geringsten zu mindern. Daran hat Auster selbst auch seinen Anteil, als er in einer berührenden Interviewszene auf dem Sofa in der Wohnung sitzt, während Siri Hustvedt im oberen Stock an einem Roman feilt. Auster ist glücklich darüber, dass seine Krankheit sie nicht mehr so völlig absorbiert wie in den ersten Wochen nach der Diagnose: «Ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass sie nicht schreibt».
Tatsächlich ist er schliesslich mit ein Grund dafür, dass sie nach seinem Tod schon sehr bald den noch immer nicht fertigen Roman wieder liegen liess und stattdessen ihre eben erschienenen «Ghost Stories» zu schreiben begann, über das Leben, das Sterben, die Liebe und den Tod.

Sabine Lidl integriert Hustvedts Texte und Bücher in die Gespräche, die biografischen Sequenzen und Hustvedts eigene Analysen und Erklärungen für die Menschen und Ereignisse, die dazu geführt haben. Dabei integriert Hustvedt akademische Genauigkeit, Studien, Recherchen und Lektüre mit klarsichtiger und manchmal beissender Einsicht, anhand der Werke anderer Frauen, etwa der Künstlerin Louise Bourgeois, wie sie es in ihrem verblüffenden Buch «A Woman Looking at Men Looking at Women: Essays on Art, Sex, and the Mind» durchgespielt hatte.
Dort, wo Ortstermine nicht praktikabel oder möglich waren, hilft sich Sabine Lidl mit Zeichnungen von Siri Hustvedt, welche die aus dem kreativen Umfeld von Lidls Ehemann Dani Levy stammenden Lena Dickmann und Jana Richtmeyer wunderbar animiert haben.

Dabei schafft es der Film, eine vertraute Nähe mit Hustvedt aufrechtzuerhalten, selbst dort, wo die weltweite künstlerische Vernetztheit des berühmten Autoren-Ehepaars Hustvedt-Auster ins filmische Äquivalent von «Name Dropping» abrutschen könnte, etwa bei den Aufnahmen vom Memorial-Service für Paul Auster, wo Wim Wenders, John Turturro oder auch Salman Rushdie eher beiläufig ins Bild kommen.
Und auch bei einem der Kernstücke des Projektes schafft Lidl die Balance und die klare Zentrierung auf und mit Siri Hustvedt, bei der Reise nach Norwegen, bald nach dem Tod von Paul Auster, dank Kooperation, wie sie sagt:
«Ursprünglich wollte ich mit Siri Hustvedt und ihren drei Schwestern zusammen nach Norwegen, zu dem Geburtsort ihrer Mutter, Mandal im Süden, und dann zum Hexenmahnmal in Vardø, wo eine Installation von Louise Bourgeois an die Hexenverfolgungen im 17.Jahrhundert erinnert. Da dieser Dreh nur im Sommer stattfinden kann, wurde er von Jahr zu Jahr verschoben. Dann stellte sich heraus, dass Wim Wenders für seinen Film über den Architekten Peter Zumthor, der die beiden Gebäude entworfen hat, am selben Motiv und ebenfalls mit Siri Hustvedt drehen wollte. Glücklicherweise konnten wir uns einigen, dass wir uns diesen Ort und Siri sozusagen teilen, und es war sicher gut, dass unsere erste Begegnung nach Pauls Tod nicht zuhause, sondern auf Reisen stattfand, an diesem verrückten Ort, der sich wie das Ende der Welt anfühlt und voller Magie ist.»

Der Titelzusatz des Films, der «Tanz um das Selbst» stammt von Siri Hustvedt und wird von ihr als Bild für die Autorenarbeit gebraucht, den Umstand, dass auch beim Schreiben vieles aus einem selbst kommen müsse, um der fliessenden Dynamik des Lebens gerecht zu werden, der Tatsache, dass wir nicht selber entscheiden, was uns passiert und was mit uns passiert, «all dem neoliberalen Gewäsch von Selbstoptimierung» zum Trotz.
Das ist nicht nur ein enorm anregender Dokumentarfilm, der es schafft, einem Appetit zu machen auf die Bücher von Hustvedt (und jene von Auster) und auf unzählige andere Werke der Kulturgeschichte, der Film ist auch von einer liebevollen, bisweilen verführerischen Schönheit.
Im Kino ab 2. April 2026
Spielorte und -Zeiten
(Klick): Premierentour in Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl
– MI 1. April, 12.15 Uhr, Lunch-Kino Special, Bourbaki 1, Luzern
– MI 1. April, 20.00 Uhr, Kino Rex, Bern, zusätzlich zu Sabine Lidl mit Produzentin Karin Koch
– DO, 2. April, 17.30 Uhr Kino Cameo, Winterthur
– DO, 2. April, 20.30 Uhr Kino Riffraff 1, Zürich, zusätzlich zu Sabine Lidl mit Produzentin Karin Koch, Balz Bachmann (Musik) und Filip Zumbrunn (Kamera)
– FR, 3. April, 14.30 Uhr, Kino Gotthard, Zug
– FR, 3. April, 18.00 Uhr, Kino Wildenmann, Männedorf
– DO, 9. April, 18.00 Uhr Kino Riffraff 1, Zürich; Anschliessendes Gespräch zum Film mit der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Elisabeth Bronfen und der Journalistin und Leiterin des Literaturhauses Zürich Nicola Steiner
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