
Die Idee ist herzerwärmend: Zeitreisegeschichten müssen nicht zwingend in einer Zukunftsdystopie enden. Ugo Bienvenue setzt hinter die Zeit der kommenden Klimakatastrophe einfach eine weitere Stufe, utopisch, aber liebevoll. Und so bekommt die zehnjährige Iris, die sich im Jahr 2075 zusammen mit ihrem Nanny-Roboter Mikki um ihren Babybruder kümmert und die Eltern am Esstisch unter der Woche nur als Hologramme erlebt, Besuch von Arco, einem gleichaltrigen Jungen aus einer wirklich fernen, dafür aber paradiesischen Zukunft.
In der Welt von Iris werden die Häuser während der heftigen Stürme mit durchsichtigen elektronischen Hauben geschützt, öffentliche Arbeiten von der Strassenreparatur bis zum Schulunterricht von Robotern geleistet, jedenfalls dort, wo die Erde noch bewohnbar ist.

In der Welt von Arco ist die Natur restauriert, die Nachbarschaft ein einziger riesiger Biohof und die Menschen leben auf luftigen Himmelsplattformen. Und sie haben die Kunst der Zeitreise gemeistert. In Regenbogenanzügen und -Capes, mit einem Kristall auf der Stirne, fliegen ganze Familien in ferne Epochen, etwa um Saurier zu studieren oder Resourcen zu sammeln. Auch Arcos’ Eltern und die ältere Schwester. Was den Jungen wurmt, weil er das offizielle Zeitflugmindestalter noch nicht erreicht hat.
Und darum klaut er ein Cape und einen Kristall und stürzt sich über den Rand der Wohnplattform ins Zeitabenteuer, das ihn, den unerfahrenen Regenbogenreiter (Arco = Arc-en-ciel), eben in der Zeit von Iris im Wald abstürzen lässt.

Der Animationsfilm vom Comic-Zeichner Ugo Bienvenu ist in mehrfacher Hinsicht eher ungewöhnlich. Neben der positiven Utopie und dem Umstand, dass der Film ohne «böse» Figuren auskommt, zeichnen ihn auch der Anime-artige Stil aus sowie die international aufgestellte Produktion, an der unter anderem Natalie Portman mit ihrer Produktionsfirma MountainA und Netflix beteiligt sind.
Gerade der Stil, 2D-Animation mit plastisch gemalten Hintergründen, zwischen klassischen Disney-Stil und japanisch-industrieller Serienproduktion, sorgt dabei für Anschlussfähigkeit bei den Sehgewohnheiten des jüngeren Publikums. Zwar heben weder der grafische Stil noch die trotz Zeitreiseparadoxa dramaturgisch relativ simple Storyline Arco über vergleichbare Produktionen hinaus. Aber das Worldbuilding, die Kinderfiguren und die für einmal positiv-utopisch gestaltete Roboter- und Hologram-Welt in Iris’ 2075 prägen sich ein und dürften der kindlichen Fantasie mehr bieten als die üblichen Pokémon-Monsterkämpfe.

In dieser Hinsicht ist Arco tatsächlich näher bei den global so populären Produktionen von Hayao Miyazaki und seinen Ghibli-Studios, auch wenn der Film weder ästhetisch noch erzählerisch an diese modernen Klassiker heranreicht. Und im Rahmen des weltweiten Anime-Booms der letzten Jahre hat Arco tatsächlich Flügel entwickelt.
Ugo Bienvenus erster Film in Spielfilmlänge feierte am Filmfestival von Cannes im Mai 2025 Premiere. Bienvenu wurde beim Festival d’Animation Annecy mit dem Crystal für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Er wurde 2026 nominiert für die Golden Globe Awards für den besten Animationsfilm und ebenso für den Oscar für den besten animierten Spielfilm. Zudem hat er den César 2025 für den «meilleur film d’animation» gewonnen.
Im Kino ab 9. April 2026
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