WAS DIESE NATUR DIR SAGT von Hong Sang-soo

Ha Donghwa (Ha Seong-guk), Kim Jun-hee (Kang So-yi), Choi Sunhee (Cho Yun-hee), Kim Neung-hee (Park Mi-so) Kim Oh-yeong (Kwon Hae-hyo) © Sister Dist.

Hong Sang-Soo macht Filme wie andere Familienfeste. Schnell, herzlich, vertraut und ohne grossen technischen Aufwand. Der Südkoreaner ist 66 Jahre alt und 그 자연이 네게 뭐라고 하니 ist sein 33. Film. Es gab Jahre, da kamen gleich vier neue Werke von ihm auf die Leinwand. An den Filmfestivals dieser Welt ist er Dauergast, und man trifft ihn etwa in Cannes nicht nur auf dem roten Teppich oder beim Interview an, es kann auch passieren, dass man in einer kleinen Nebenstrasse vor dem Bistro seine Pizza isst und dabei zusieht, wie Hong mit Isabelle Huppert in der gleichen Gasse und ohne Crew oder Absperrung schnell ein paar Szenen dreht.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie viele seiner Filme ich tatsächlich gesehen habe. Ich schätze 15 bis 20 im Lauf der Jahre. Sie sind in der Erinnerung auch nicht immer ganz einfach auseinanderzuhalten, wegen all dieser Szenen, die zum Leben seiner Figuren einfach dazu gehören: Gemeinsames Essen mit höflichem Besäufnis, lange Dialoge über fast nichts und doch alles, persönliches Drama hinter scheuem Lächeln versteckt, ganze Biografien in wenigen Andeutungen.

Hong Sang-soo gehört zum kulturellen Welterbe, er ist ein vertrautes Familienmitglied wie Asterix oder Gaston.

Daran muss der junge Dichter Ha Donghwa (Ha Seong-guk) allerdings noch arbeiten. Obwohl er schon seit drei Jahren mit der liebenswürdigen Jun-hee (Kang So-yi) zusammen ist, konnte er sich noch nie dazu durchringen, mit ihr zusammen von Seoul aus ihre Familie bei Icheon zu besuchen.

Ha Donghwa (Ha Seong-guk) und Kim Jun-hee (Kang So-yi) © Sister Dist.

Als der Film einsetzt, hat er sie eben aus dem Auto aussteigen lassen. Er hat sie zum Haus ihrer Eltern gefahren, will aber eigentlich, nach einer Zigarette, gleich weiter. Immerhin bestaunt er von der Strasse unten das auf einem Hügel liegende Haus – ohne dass wir es im Kino vorerst zu sehen bekommen. Diese Szenen sind bereits typisch für Hong Sang-Soo: zwei Menschen, die in einem Auto oder auch neben einem Auto vor einem nicht weiter bemerkenswerten Hintergrund vertraut-verlegen miteinander Belanglosigkeiten austauschen, sich gegenseitig vorsichtig ausspähend.

Immerhin schafft es Jun-hee, dass Donghwa doch noch die steile Einfahrt zum Haus hochfährt, um es aus der Nähe zu sehen. Und natürlich kommt da oben ganz überraschend Jun-hees Vater zwischen den Büschen hervor und verwickelt den jungen Mann gleich in ein freundliches Gespräch über sein ältliches Auto.

Ha Donghwa (Ha Seong-guk) und Kim Oh-yeong (Kwon Hae-hyo) © Sister Dist.

Was diese Natur dir sagt dreht sich vollständig – und für Hong Sang-soos Verhältnisse verblüffend zielstrebig – um das erste Treffen der Eltern und der älteren Schwester mit dem Freund der jüngeren. In einfachen, logischen und immer sehr alltäglichen Konversationen nimmt erst der Vater, dann die Schwester und schliesslich die Mutter den jungen Mann in die Mangel, ohne je etwas anderes als ausgesuchte Höflichkeit und Liebenswürdigkeit an den Tag zu legen.

Bis zum bei Hong Sang-soo ebenfalls obligaten Besäufnis am Esstisch, das dieses Mal nur den Vater und den allfälligen Schwiegersohn umfasst, aber trotzdem zum nötigen dramatischen, nüchtern wohl eher unkoreanischen Ausbruch führt.

Ha Donghwa (Ha Seong-guk), zwischen den Schwestern Kim Jun-hee (Kang So-yi) und Kim Neung-hee (Park Mi-so) © Sister Dist.

Hong Sang-soo hat seine Meisterschaft im Filmen der vordergründig belanglosen Konversationen mit diesem Film noch einmal weiter gesteigert, ebenso seinen verschmitzt hinterhältigen Einsatz der Kamera für gezielt unspektakuläre Einstellungen. Nur wenn uns diese Kamera ausgerechnet das vorenthält, was die Figuren betrachten und erstaunt benennen, wird deutlich, dass hier nicht der Zufall am Werk ist. Ebenso bei einer einzigen, ebenfalls unspektakulären, aber völlig aus der Reihe tanzenden Grossaufnahme eines Gerichtes auf dem Tisch, über das schon eine ganze Weile davor Komplimente und Nettigkeiten ausgetauscht wurden.

Ganz zu Schweigen vom konsequentesten Kunstgriff des Regisseurs, der stets auch sein eigener Kameramann ist: Der ganze Film ist unscharf gefilmt – was im Kino bei uns zumindest dank der Untertitel als Absicht erkennbar wird, in Korea aber wohl den einen oder anderen Kinooperateur mit seinem Publikum in einen Clinch bringen dürfte.

Ha Donghwa (Ha Seong-guk) © Sister Dist.

Die stets leicht fluffigen Bilder erklären sich im Ansatz, als Donghwa dem Vater erklärt, warum er seine Brille meist nur am T-Shirt hängen habe: Er sei sich seiner Sehschwäche lange Zeit nicht bewusst gewesen und ihm gefalle die Welt in dieser Weichheit auch ganz gut. Worauf es sich der Vater nicht verkneifen kann, nachzufragen, ob er denn seine Tochter ohne Brille immer erkennen könne, und ob er sie allenfalls unscharf ebenfalls als hübscher empfinde.

Im Hinblick auf diesen echten «Low-Fi»-Kunstgriff könnte man Was diese Natur dir sagt mit Fug und Recht als Schlüsselwerk von Hong Sang-soo bezeichnen. Denn in der Unschärfe des Ausdrucks, der Interaktionen seiner Figuren, des Gesagten und des Ungesagten, liegen bei ihm stets die wesentlichen Dinge verborgen und wirken sanft entlarvend auf uns und die Welt.

Im Kino ab 9. April 2024
Spielorte und -Zeiten

Spezialvorführung mit Einführung von Alan Mattli, Redaktor Filmbulletin,
in Zürich, 8. April, 18.15 Uhr, Filmpodium


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