
Auf wie viele Arten konnte man in den 1980ern jung sein? Das fragt sich die 18jährige Marina am dritten Tag ihres Besuches an der galizischen Atlantikküste. Gekommen ist sie, um auf dem lokalen Einwohneramt eine Bestätigung zu holen, dass die Piñeiros ihre Grosseltern väterlicherseits sind. Das Papier braucht sie, um ein Stipendium zu beantragen.
Marina hat das Tagebuch ihrer früh verstorbenen Mutter dabei, und sie versucht, mit Hilfe diverser Cousins und Geschwister des Vaters, den sie nie gekannt hat, die kurze, heftige Liebschaft ihrer Eltern vor deren frühem Tod zu rekonstruieren. Allerdings erzählt ihr jeder nur Bruchteile der Geschichte und dazu bleibt vieles widersprüchlich. Nicht einmal auf das Todesjahr ihres Vaters können sich die Verwandten einigen. Das Thema scheint mehr oder weniger tabu zu sein, auf jeden Fall bei den Grosseltern.

Erst ihr Onkel Iago (Alberto Gracia), selbst ein Junkie oder Ex-Junkie, schenkt Marina mehr oder weniger reinen Wein ein über das wilde Leben und frühe Sterben seines Bruders und dessen Freundin. Zusammen mit gesammelten Andeutungen und den Tagebucheinträgen ihrer Mutter ergibt sich schliesslich eine Rekonstruktion, die sich längst nicht mit allem deckt, was ihre Adoptivmutter Marina erzählt hat.
Mit Romería schliesst Carla Simón ihre Familientrilogie ab, welche sie mit ihrem gefeierten Erstling Estiu 1993 (Sommer 1993) und dem mit dem goldenen Berliner Bär ausgezeichneten Alcarràs begonnen hat.

Der Titel Romería bezeichne auf Galizisch einerseits eine Art Wallfahrt zu einer heiligen Stätte, aber auch eine öffentliche Fiesta, erklärt die Regisseurin, und darum passe er perfekt zu dem familienforschenden Trip ihrer Protagonistin.
Und zu einem Trip wird der Film tatsächlich im letzten Teil. Nachdem Marina sich vieles zusammengereimt hat aus den Erzählungen und Andeutungen ihrer Tanten, Onkel, Cousins und Leuten, welche ihren Vater und ihre Mutter gekannt haben könnten, stellt sie fest, dass ausgerechnet die Abuela, mehr noch als der bei seinen Kindern auch nicht gerade beliebte Grossvater, nicht über eine nie legitimierte junge Verwandte an das unstete Leben ihres verstorbenen Sohns erinnert werden möchte. Der Grossvater versucht darum, Marina mit einem Packen Geld in einem Couvert abzuwimmeln, um die Verwandtschaft nicht beglaubigen zu müssen.

Das nimmt Carla Simón zum Anlass, aus dem sonst bei ihrem dominierenden Naturalismus auszubrechen und Marina in einer längeren Traum- oder Imaginationssequenz ins Leben ihrer Eltern zu transferieren. Der Clou an diesen eben so betörenden wie zum Teil verstörenden Szenen besteht darin, dass die hinreissende Marina-Darstellerin Llúcia Garcia nun auch gleich ihre eigene Mutter spielt und Mitch Martín, der junge Darsteller von Marinas Lieblingscousin Suso, den Vater.

In diesen Szenen geht Romería über das persönlich Biografische seiner Hauptfigur und ihrer Familie hinaus in einen eindrücklichen, historisch-rekonstruktiven Exkurs über die verlorenen 1980er Jahre (die ja auch in Pedro Almodóvars Werk immer wieder durchblitzen). Während diese 80er in vielen Teilen der westlichen Welt als Zeit des Umbruchs und dem von AIDS dominierten endgültigen Ende des hippieinduzierten Hedonismus gelten, kamen gerade in Spanien noch weitere Faktoren dazu, nicht zuletzt die gesellschaftlichen Umnbrüche, die mit dem Ende der Franco-Diktatur ab 1975 einsetzten.

In einem vom Filmverleih zur Verfügung gestellten Interview verortet Carla Simón die Zeit ihrer Elterngeneration in einer Art narrativer Leerstelle:
Zum einen sind viele der Protagonist*innen gestorben, sie sind nicht mehr da, um die Geschichten zu erzählen. Es gibt eine grosse Kluft zwischen den Generationen. Hier geht es um eine Generation, die in den letzten Jahren der Diktatur aufgewachsen ist und die nach Francos Tod mit allem Etablierten gebrochen hat: mit dem, was sie zu Hause, in der Schule, in der Kirche, in der Gesellschaft gelernt hatte. Das hatte einen sehr starken Einfluss auf unsere Generationen, die danach kamen. Der Freiheitsschub damals war enorm, er hatte sehr positive Folgen, aber einige bezahlten einen hohen Preis dafür. Mit der Freiheit nach der Diktatur kam eine Art Impuls, eine Notwendigkeit, alles auszuprobieren, zu experimentieren, um jeden Preis. Das wurde, zusammen mit dem fehlenden Wissen über bestimmte Drogen, schliesslich zu einer Bombe. Für viele endete es schlecht. Die Geschichte von HIV ist in jedem Land sehr unterschiedlich, in den USA zum Beispiel war sie eng mit der homosexuellen Community und ihrer Stigmatisierung verbunden. In Spanien, wo auch viele Schwule daran gestorben sind, wird HIV aber vor allem mit der Heroinkrise in Verbindung gebracht. Immer noch gibt es Schuldgefühle, Tabus, und viele Familien waren nicht in der Lage oder wussten nicht, wie sie mit diesem Schmerz umgehen sollten. Deshalb gibt es so wenige Geschichten zu diesem Thema.
Mit Romería geht Simón diese Leerstelle an, auf eine Art, die mitnimmt und berührt. Einerseits hat sie mit der 2006 geborenen Llúcia Garcia Torras eine Hauptdarstellerin gefunden, die ohne jegliche Schauspielerfahrung die 18jährige Marina mit einer guten Mischung aus Naivität und Zurückhaltung verkörpert, und gleichzeitig die Rolle der Mutter ihrer Figur mit einem frappant anderen Wesens- und Erfahrungshintergrund.

Andererseits täuscht das raffiniert aufgebaute Drehbuch mit seinen vielen kleinen, über Andeutungen und Hinweise platzierten Wendungen im Generationenbild eine Beiläufigkeit vor, welche von den eingeschobenen Videoaufnahmen der Protagonistin unterstützt wird.
Erst die Traumsequenz, die streng genommen auch keine ist, sondern im Übergang eher schon eine Variation des magischen Realismus, bekommt eine gezielte gestalterische Dichte, die klar macht, dass es viele verschiedene Erinnerungen braucht, um eine gemeinsame Vorstellung von einem Lebensgefühl (oder einer Lebensverzweiflung) herzustellen.
Romería (und im Prinzip die ganze Trilogie) steht damit überraschenderweise mit dem gesellschaftlichen Blick in der direkten Nachfolge der Filme, welche Carlos Saura ab 1960 bis zum Ende der Franco-Diktatur gemacht hatte.
Im Kino ab 16. April 2026
Spielzeiten und -Orte
Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

