
Es ist ein richtiger Sch…tag für die Psychoanalytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster). Zuerst muss sie sich von einem der Nachbarn von oben als «Rabat-joie, celle-là» («Spassbremse»), beschimpfen lassen, als sie versucht, vor der Ankunft des nächsten Patienten etwas weniger laute Musik einzufordern. Dann taucht die Patientin zum dritten Mal in Folge nicht auf und Lilians Nachforschungs-Anruf landet direkt in der Combox. Und dann steht auch noch ein anderer langjähriger Patient unangemeldet vor der Tür, bloss, um ihr mitzuteilen, dass er, nachdem jahrelange Sessions bei ihr nichts gebracht hätten, sich das Rauchen nun von einer Hypnotiseurin habe abgewöhnen lassen. In einer einzigen Sitzung:
«Jetzt fühle ich mich befreit. Nicht nur von den Zigaretten, sondern vor allem von Ihnen. Über acht Jahre hinweg haben mich die Sessions bei Ihnen rund 32’000 Euro gekostet. Dazu kommen rund 8000 Euro für Zigaretten. Voilà, c’est terminé. Au revoir!»
Dann folgt ein Anruf von der Tochter der ausbleibenden Patientin, die Lilian mitteilt, dass Paula nicht mehr lebe, sie sei aber herzlich eingeladen zu einem Abschiedstreffen in der Wohnung ihrer Eltern am nächsten Tag. Ziemlich aufgelöst geht Lilian dahin, bloss, um dann dort zu erfahren, dass Paula sich offenbar das Leben genommen hat, und dass ihr Mann die Verantwortung dafür bei der Psychiaterin sieht.

Auch wenn Rebecca Zlotowskis neuer Film nicht mit einem leblosen Frauenarm im Schnee und dem Song «Psycho Killer» von den Talking Heads angefangen hätte, wüssten wir spätestens jetzt, dass uns die französische Filmemacherin auf einen raffinierten Psychothriller mit ironischem Einschlag mitnehmen wird.
Das ist nicht selbstverständlich, denn Zlotowski beherrscht zwar die Gratwanderungen zwischen Drama und Komödie perfekt, hat aber mit Grand Central oder Les enfants des autres gezeigt, dass sie ihre Geschichten durchaus ernst zu nehmen versteht. Das gilt im Übrigen auch für Vie privée, der, all der angehäuften Ironie zum Trotz, eine raffinierte Auseinandersetzung mit der Konstruktion des eigenen (weiblichen) Selbstbildes darstellt.

Jodie Foster ist dabei eine Idealbesetzung. Sie spielt die amerikanische Psychoanalytikerin, die ihren Lebensmittelpunkt schon vor Jahrzehnten nach Paris verlegt hat, mit der ihr eigenen Perfektion. Fosters auf ihre Zeit im Lycée français de Los Angeles zurückgehenden Französischkenntnisse helfen dabei, mehr noch aber ihre Kunst, über winzige Gesichtsbewegungen heftige und oft im Gegensatz zu ihren Worten stehende Gefühlstumulte sichtbar zu machen.
Lilian Steiner durchläuft in Vie privée eine Art Hitchcocksche Selbstauflösung, jenen Prozess, bei dem den Hauptfiguren der Teppich unter den Füssen weggezogen wird, ihre Identität in Frage gestellt, das Ich aufgelöst, von The Wrong Man über North by Northwest oder Vertigo bis zu Marnie. Im Gegensatz zu Hitchcock, der dabei noch sehr simplifizierend die Freudschen Thesen zu Storytreibern machte, verfügt Rebecca Zlotowski allerdings über die Kenntnisse zur Entwicklung der psychoanalytischen Praxis und vor allem über den ganzen Schatz der psychologisch unterfütterten Filmgeschichte. Und nicht nur sie, sondern auch ihre Figuren und deren Darstellerinnen und Darsteller.

Das macht Vie privée gleichzeitig zu einem ironischen Spiel mit Klischees und zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit deren Wirkungskraft. Denn diese Lilian Steiner, die mit ihren Verdächtigungen, dass möglicherweise der Ehemann oder gar die Tochter ihrer Patientin diese umgebracht hätten, immer tiefer ins sprichwörtliche Rabbitt-Hole abtaucht, eifrig und hoffnungsfroh skeptisch unterstützt von ihrem von Daniel Auteuil gespielten Ex-Mann.
Überhaupt die Besetzung! Zlotowski hat mit Jodie Foster natürlich einen Coup gelandet. Aber sie hat auch dafür gesorgt, dass Fosters Mitspielerinnen und Mitspieler dem prominenten Gast und dem Publikum etwas zu bieten haben. Daniel Auteuil ist auch im fortgeschrittenen Alter und mit etlichen zusätzlichen Pfunden der schlitzohrige Charmebolzen, dem man die Aufrichtigkeit und die Abenteuerlust zu gleichen Teilen abnimmt.

Virginie Efira, die in Zlotowskis letztem Film Les enfants des autres die Hauptrolle spielte, ist dieses mal nur in wenigen Szenen zu sehen, verkörpert sie doch die geheimnisvolle Paula Cohen-Solal, deren Ableben Lilians existentielle Krise erst auslöst. Dafür darf sie die perfekte Hitchcock-Blondine geben und Lilians Lover in einem früheren Leben. Ihren Mann und potentiellen Mörder Simon Cohen-Solal spielt der unvergleichliche Mathieu Amalric, der seine Spezialität, die unschuldige Zwielichtigkeit, hier perfektioniert.
Und selbst die Nebenrollen sind Highlights, etwa Sophie Guillemin als Jessica Grangé, geerdete Hypnotiseurin mit Prinzipien und einer Souveränität, welche die erschütterte Lilian vollends in Selbstzweifel stürzt. Oder der grosse Dokumentarfilmer Frederick Wiseman (ein Familienfreund der Zlotowskis) in seiner allerletzten Rolle als Psychiater Dr. Goldstein, einst Lehrer und nun Kollege von Lilian Steiner, der ihr in einer prägnanten, witzigen Szene die Leviten liest.

Zum perfekten Kinostück aber macht View privée natürlich der Umstand, dass der Film, wie fast alle wirklich gut erzählten Filme, auch eine Reflexion der Macht des Kinos ist, eine metaphorisch-verspielte Variation über die suggestive Kraft der Erzählung, diese Gabe der Menschheit, die auch ihren Fluch darstellt, sich das Chaos der Welt erzählend zu ordnen, koste es, was es wolle.
Wenn Zlotowski also das professionelle Leben der Lilian Steiner mit seiner ganzen mühsam aufrecht erhaltenen Souveränität («Spassbremse») zugleich als Hindernis auf dem Weg zu ihrer Befreiung zeigt, dann beisst der Film herzhaft in die saftige Doppeldeutigkeit seines Titels (privates/entzogenes Leben) wie in einen zur Hälfte vergifteten Apfel.
Bereits im Lunchkino, regulär ab 16. April 2026
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