PRIMAVERA (Vivaldi und ich) von Damiano Michieletto

Vivaldi und sein Frauenorchester, versteckt auf der Empore © frenetic

Vor zwei Jahren brach im italienischen Kino ansatzweise der Barockfrühling aus, mit Margherita Vicarios Melodra­mu­si­cal Gloria! Leider entpuppte sich der Versuch, Vivaldi und seine Zeit­ge­nos­sin­nen ins gegenwärtige Pop-Panoptikum zu transferieren, als wenig ergiebig: Mehr «Rondo Veneziano» als Musikgeschichte.

Dabei gab es Tiziano Scarpas Erfolgsroman «Stabat Mater» da schon seit achtzehn Jahren und mit ihm eine Aufarbeitung der sich im 18. Jahrhundert konkurrenzierenden venezianischen Waisenhaus-Kloster-Orchester aus weiblicher Perspektive, die Geschichte der begabten Cecilia, die im ausbeuterischen System die Verweigerung wagt, beziehungsweise den Versuch, die Kunst statt die Zwangsheirat zu wählen – mit Hilfe des kränklichen Orchesterleiters Antonio Vivaldi, der im gleichen System gefangen ist.

Damiano Michieletto, der nun Scarpas Roman einigermassen getreulich auf die Leinwand gebracht hat, ist Opern- und Theaterregisseur, ohne grössere Filmerfahrung. Das ist dem Film anzumerken, allerdings mehrheitlich positiv. Denn Michieletto setzt auf die Ausdruckskraft seiner Darstellerinnen, auf Solo-Arbeit, eingebettet im Ensemble. Er inszeniert vorwiegend in dunklen Räumen, mit musikalischer Zurückhaltung und weitgehendem Verzicht auf Venedig-Sightseeing und barockem Melodrama.

Antonio Vivaldi (Michele Riondino) Cecilia (Tecla Insolia) © frenetic

Mit Tecla Insolia hat er eine attraktive, ausstrahlungsstarke Hauptdarstellerin, die eher mit Zurückhaltung und oft spürbar unterdrückter Wut zu fesseln vermag, als mit opernhafter Gefühligkeit. Und das gilt auch für den bewährten Michele Riondino, der seinen Antonio Vivaldi in sich gekehrt, auf seine Musik konzentriert und ansonsten eher resigniert im Machtgefüge der konkurrenzierenden Häuser spielt.

Was dem Film eine gewisse instruktive Spannung verleiht, sind die fast über Kreuz geführten Konflikte. Cecilia sehnt sich nach einer greifbaren Herkunft und schreibt ihrer unbekannten Mutter nachts einen langen, tagebuchartigen Brief, der dem Film als innere Stimme dient.

Cecilia (Tecla Insolia) und ihre Leidensgenossinnen beim Proben mit Antonio Vivaldi (Michele Riondino) © frenetic

Der Konvent mit seinem kirchlich ordinierten Leiter, der Aufsichtsdame (die ihrerseits ebenfalls das kleine Brandmal am Fuss trägt, mit dem all die ab- und aufgegebenen Bébés als Mündel des Hauses gezeichnet werden) wird betrieben als Profit-Center, mit dem Mädchen-Orchester und dem Hauskomponisten als PR-Instrument und der ertragreichen Verheiratung der jungen Frauen auf dem venezianischen Aufsteigermarkt.

Die jungen Frauen werden als Orchestermusikerinnen und Solistinnen ausgebildet und trainiert. Aber mit ihrer Verheiratung geht die Verpflichtung einher, künftig auf die Musik zu verzichten. Was für Cecilia, die zunächst wie alle ihre Leidensgenossinnen von der Freiheit durch Ehe träumt, zum Dilemma wird, von dem Moment an, als Vivaldi ihr Talent erkennt und fördert.

Antonio Vivaldi (Michele Riondino) Cecilia (Tecla Insolia) © frenetic

Michieletto scheut sich dabei nicht, die Härte einzelner Szenen ungedämpft und unbeschönigt zu inszenieren, von der demütigenden Jungfräulichkeitsuntersuchung jeder Heiratskandidatin bis zur abscheulichen Rache des von Cecilia schliesslich düpierten, hochdekorierten Offiziers, dem sie versprochen war.

Primavera ist kein wirklich grosser Film, dafür bleiben dann doch zu viele Ungereimtheiten am Ende und zu wenig Persönlichkeitsentwicklung bei den meisten Figuren. Aber als historischer Einblick in die gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnisse der Zeit, und als Einordnung von Vivaldis musikalischem Nachlass als Produkt im Rahmen eines merkantilen Auswertungssystems, ist das instruktiv.

Antonio Vivaldi (Michele Riondino) © frenetic

Und als Versuch, eine weibliche Perspektive zu rekonstruieren innerhalb einer Epoche, die meist nur über ihre männlichen (und adelig-klerikalen) Machtstrukturen definiert erscheint, ist Primavera dann doch ein Solitär. Mit der wiederum sehr heutigen (und merkantilen) Einschränkung, dass schon der Verzicht auf den Romantitel «Stabat Mater» zugunsten des vivaldiwirksamen Primavera einen zielgruppengerichteten Kompromiss darstellt. Ganz zu schweigen vom endgültig fantasielos auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengestrichenen deutschen Titel «Vivaldi und ich».

Im Kino ab dem 30. April 2026
Spielzeiten und -Orte


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